Leo Tolstoy in the German Mass Consciousnessin the Late 19th and Early 20th Centuries
Leo Tolstoy in the German Mass Consciousnessin the Late 19th and Early 20th Centuries

Leo Tolstoy in the German Mass Consciousnessin the Late 19th and Early 20th Centuries

Lew Tolstoy, Leo Tolstoi

At the end of the 19th and beginning of the 20th century, German provincial newspapers “Schwerter Zeitung”, “Dortmunder Tageblatt”, “Altonaer Nachrichten” and others repeatedly published analytical articles concerning the philosophical views of Tolstoy, whose opinion was authoritative for readers. The attitude towards the church, towards war as a barbaric attempt to resolve interstate conflicts and facts from the life of a world-famous writer were interesting to readers and also influenced the formation of mass consciousness as well as the convictions of German politicians of that time.

On 28 November 1910, the “Dortmunder Tageblatt” published a polemical statement by the Social Democratic Reichstag member Georg Ledebour (1850–1947) on the “Königsberg Imperial Speech before the Reichstag”:

“…The emperor says that peace depends on our armaments. Oh no! Peace is not based on weapons, but on the fact that peoples are increasingly turning to the idea of peace and are disgusted by the horrors of war. Tolstoy experienced war in his youth, not just on Tempelhof Field or at imperial parades. But perhaps no one was a greater enemy of war than Tolstoy.”

Leo Tolstoi im Massenbewusstsein der Deutschenim späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

Am 16. Oktober 1912 veröffentlichte die täglich erscheinende Provinzzeitung „Schwerter Zeitung“ einen ausführlichen Artikel mit dem Titel „Aus Tolstois Ideenwelt“, der den philosophischen Ansichten des russischen Schriftstellers Graf Leo Nikolajewitsch Tolstoi (* 9. September 1828; † 20. November 1910) gewidmet war. Tolstoi war damals in Deutschland eine Kultfigur. Er war ein Objekt der Verehrung und prägte das Massenbewusstsein breiter Kreise deutscher Leser.

Der Artikel analysierte einen weiteren Tolstoi-Artikel, der in der Stuttgarter Zeitung „Der Türmer“1 publiziert wurde. Der Beitrag wurde von dem renommierten Lessing-Forscher Ludwig Holthof2 verfasst. Es ist bemerkenswert, dass der Artikel in der “Schwerter Zeitung” einem Vortrag über Tolstoi vorausging, der in der örtlichen “Vortragsvereinigung” stattfinden sollte. Die Leser wurden dazu angeregt, sich mit den anspruchsvollen religiösen und philosophischen Fragen auseinanderzusetzen, die der Autor in seinen Werken aufwirft.

Über die Gewalt: „Die Grundlage, auf der das ganze Gebäude seiner (Leo Tolstois – W. F) reformatorischen Anschauungen beruhte, war der Gedanke, daß jeder der Gewalt entgegengesetzte Widerstand nicht nur zwecklos, sondern auch verwerflich sei. Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, war nach ihm ein Gedanke, der ebenso sehr dem Geiste des Christentums, wie dem der gesunden Vernunft widerspreche. „Wer bist du, der du dich gegen die Gewalt auflehnst? Du, der du in einem sichern Hause wohnst und dien Leben hinbringst in Freude, alle dien Tage? Wasche erst selbst deine Hände und reinige sie von der Gewalt; gib deinen Wohlstand auf, der über den des gewöhnlichen Arbeiters hinausgeht, und dann magst du vielleicht davon reden, die Gewalttat anderer zu unterdrücken.“ Nach seiner Ansicht stammt der Gedanke, Gewalttat gegen Gewalttat zu setzen, nicht aus dem Christentum, sondern aus dem Feudalwesen.“

Tolstois Verhältnis zu Regierungen und Staaten:

„Es gibt gar kein Ding wie einen Staat oder eine Regierung, Es ist ein Schwindel, mit diesem Staat. Was soll er denn sein? Menschen kenne ich; Bauern und Dörfer sehe ich vor mir; aber Regierungen, Nationen, Staaten, was sind das anderes als schöne Namen, erfunden, und damit die Ausplünderung anständiger Menschen durch unanständige Beamte zu beschönigen, wie die Phrasen von Mobilisierung und Krieg die Ermordung friedfertiger Menschen maskiert werden soll.“

Tolstois Sichtweise auf das Christentum:

„Wir haben Christus vergessen … wir wollen ihm nicht mehr gehorchen.“

Tolstois kritische Haltung zu seinen eigenen literarischen Werken: „Das Schreiben von Romanen ist vielleicht nur Unsinn. Es kann sein, daß etwas Gutes in ihnen enthalten ist, vielleicht aber noch mehr Schlechtes. Wer kann das beurteilen? Angenommen, „Anna Karenina“ habe Tausende dazu veranlaßt, sich in wahrere u. liebevollere Beziehungen zu ihren Nächsten zu setzen – wie aber kann ich wissen, ob das Buch nicht auf eine viel größere Menge den entgegengesetzten Einfluß ausgeübt hat. Es ist das eben nicht zu bestimmen.“

Das Original der Zeitungsveröffentlichung:

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Aus Tolstois Ideenwelt

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Anlässlich des am 21: Oktober bevorstehenden Vortrages über den russischen Schriftsteller Tolstoi, für den die Vortragsvereinigung Herrn P. Haun-Duisburg gewonnen hat, dürfte ein im „Türmer“ erschienener Aufsatz aus der Feder Ludwig Holthof’s berechtigtes Interesse erwecken. In dem Aufsatz heißt es u.a.: graf Leo Tolstoi, der große russische Dichterphilosoph, ist den weiten Kreisen des Publikums wohl nur durch seine schönwissenschaftlichen und dichterischen Werke bekannt geworden. Spiegeln sich in diesen auch deutlich die Ideen wider, die sich im Geiste des merkwürdigen Mannes drängten, so erhalten ein getreues Bild von seinen reformatorischen Plänen doch nur durch die im ganzen wenig gelesenen Schriften, in denen er sich rückhaltlos über das von ihm Erstrebte ausgesprochen hat, vor allem durch seine Selbstbiographie „Meine Beichte und meine Religion“ und das vor etwa vierzehn Jahren veröffentlichte Buch „Das Reich Gottes ist in Euch“.

Das Idealbild, das seinem Geiste vorschwebte, zielte auf eine vollständige Umgestaltung der gesamten modernen Gesellschaftsverhältnisse ab, und zwar auf eine Umgestaltung, so radikal, wie sie sich wohl nur der verwegenste sozialistische oder anarchistische Utopist träumen kann, und doch war niemand weniger Revolutionär im herkömmlichen Sinne, als der Einsiedler von Jasnaja Poljana.5 Die Grundlage, auf der das ganze Gebäude seiner reformatorischen Anschauungen beruhte, war der Gedanke, daß jeder der Gewalt entgegengesetzte Widerstand nicht nur zwecklos, sondern auch verwerflich sei. Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, war nach ihm ein Gedanke, der ebenso sehr dem Geiste des Christentums, wie dem der gesunden Vernunft widerspreche. „Wer bist du, der du dich gegen die Gewalt auflehnst? Du, der du in einem sichern Hause wohnst und dien Leben hinbringst in Freude, alle deine Tage? Wasche erst selbst deine Hände und reinige sie von der Gewalt; gib deinen Wohlstand auf, der über den des gewöhnlichen Arbeiters hinausgeht, und dann magst du vielleicht davon reden, die Gewalttat anderer zu unterdrücken.“ Nach seiner Ansicht stammt der Gedanke, Gewalttat gegen Gewalttat zu setzen, nicht aus dem Christentum, sondern aus dem Feudalwesen. Er meint, es sei besser, ein Kind von einem brutalen Unmenschen töten zu lassen, als sich durch gewaltsames Einschreiten dagegen in das Unrecht zu setzen. Wenn es galt, seine Ansichten zu verteidigen, konnte er manchmal bis zur Spitzfindigkeit gehen. So wurde er einmal darauf aufmerksam gemacht, daß Christus sich vor einem Zuge nach Jerusalem erkundigt habe, ob Schwerter in seiner Gefolgschaft vorhanden seien, und dann, als man ihm geantwortet, es seien zwei da, geäußert habe: „Das genügt.“ Tolstoi wollte nicht in Abrede stellen, daß Christus an Gewalt gedacht habe, um aber die Bibelstelle in Einklang mit seiner Lehre zu bringen, gab er die folgende Erklärung ab, die an Gewagtheit der Deutung nichts zu wünschen übrig läßt: Christus hat sich allerdings nach den Schwertern erkundigt, und aus seinen Worten scheint mir nicht minder deutlich hervorzugehen, daß er an die etwaige Abwehr eines räuberischen Angriffs in den auf dem Wege gelegenen Engpässen dachte. Allein darin fehlte er und handelte gegen seine Vorschriften. Daher die bittere Reue und Gewissensangst in Gethsemane, die meiner Ansicht nach von dem auf ihm laufenden Vorwurf herrührte, daß er, wen auch nur zum Zwecke der Notwehr, daran gedacht habe, zur Anwendung der Gewalt zu schreiten.

Es war nur eine Konsequenz seines leitenden Grundsatzes, wenn Tolstoi sich gegen alle Steuern und staatlichen Abgaben erklärte, da diese nur mit Gewalt beigetrieben werden können, alle Gewalt aber von Christus verboten ist, Regierung und Staat sind nach Tolstoi nur Rauch und leerer Schall. „Es gibt gar kein Ding wie einen Staat oder eine Regierung, Es ist ein Schwindel, mit diesem Staat. Was soll er denn sein? Menschen kenne ich; Bauern und Dörfer sehe ich vor mir; aber Regierungen, Nationen, Staaten, was sind das anderes als schöne Namen, erfunden, und damit die Ausplünderung anständiger Menschen durch unanständige Beamte zu beschönigen, wie die Phrasen von Mobilisierung und Krieg die Ermordung friedfertiger Menschen maskiert werden soll.“

Mit einem Besucher ging Graf Tolstoi eines Tages spazieren und kam mit ihm zu einer Stelle, wo eine Schar von etwa hundert Arbeitern an einem Eisenbahnbau beschäftigt war. Sie hatten gerade ihre Abendmahlzeit beendet und standen im Begriffe, sich nach ihren Lehmhütten zu begeben, in denen sie zehn rechts und links, auf einer bloßen Holzpritsche, ohne Matratzen, ja selbst ohne Stroh ihre Lagerstätte hatten. Graf Tolstoi versprach, ihnen etwas Stroh zu senden, worüber sie sich sehr zu freuen schienen. Es waren anständige, freundlich aussehende Leute, ohne das grobe Wesen, wie man es sonst gerade bei Erdarbeitern findet; dabei waren sie manierlich und wußten ganz gut ihr Wort zu führen. Das Erlebnis des Spaziergangs führte natürlich zu einer Diskussion. „Wir haben Christus vergessen,“ sagte der Graf, „wir wollen ihm nicht mehr gehorchen. Da haben Sie hundert Leute, von denen jeder täglich 50 Kopeken verdient, ohne des Nachts nur ein Strohlager zu haben. Wie können Sie und ich auf Matratzen und Federbetten schlafen, solange diese schwer angestrengten Arbeiter nicht einmal Stroh haben? Wenn Sie ein Christ wären, könnten sie es nicht! Was für ein Recht haben Sie auf dieses Zuviel, wenn Ihr Bruder nicht einmal das Nötige hat? Das erste, was das Christentum verlangt, das allererste ist, daß diejenigen, welche Gut und Land besitzen, sich alles dessen entäußern, was sie haben, und es den Armen zukommen lassen.“

Besitzt man also Geld, ein Haus oder Kleider, so muß man nach Tolstoi bereit sein, es dem ersten besten abzutreten. Es ist das Fanatismus, sicherlich, aber ein Fanatismus, in dem eine eiserne Konsequenz liegt. Nur läßt die Konsequenz sich trotz ihres eisernen Charakters unter den jetzt obwaltenden Verhältnissen nicht ziehen. Wer es versucht, wird immer mit dem fehlerhaften Kreis enden. Hätte Graf Tolstoi, selbst innerhalb der nicht bedeutenden Schranken, welche die Gräfin6 ihm gezogen hatte, strenge nach seinen Worten leben wollen, so würde das Endergebnis wohl ein zufriedenstellendes gewesen sein. Der falsche Arme, der Schwindler, der Herumtreiber, der Trunkenbold, alle würden herbeigeströmt sein und Unterstützung begehrt haben. Die wirklich notleidenden Armen würden weggeblieben sein. Warum aber den gestohlenen Schatz der Reichen, wenn er wirklich gestohlen ist, als eine Prämie auf Unverschämtheit, Verlogenheit und verwegene Selbstsucht aussetzen? Hätte Graf Tolstoi seine Grundsätze bis zur äußeren Konsequenz verwirklichen können, so würde das Ende vom Lied gewesen sein, daß sich ein paar Schurken in den Besitz seines Gutes gesetzt und dessen Einkünfte in der Schenke durchgebracht hätten, statt Propaganda für die Mäßigkeit und die Ideen zu machen, die des Grafen Geist erfüllen.

Auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht, meinte Graf Tolstoi: „Man sollte stets dem Guten, was wirklich zu erreichen ist, den Vorzug vor dem geben, was nur gut in der Möglichkeit ist. In natürlichen Beziehungen zu meinen Brüdern zu leben, mit ihnen den Acker zu bestellen, Korn zu bauen und mich und meine Familie in Einklang mit dem Willen Gottes zu setzen, der das von Christus enthüllte Lebensgesetz ist, das ist wirklich positiv Gutes. Das Schreiben von Romanen ist vielleicht nur Unsinn. Es kann sein, daß etwas Gutes in ihnen enthalten ist, vielleicht aber noch mehr Schlechtes. Wer kann das beurteilen? Angenommen, „Anna Karenina“ habe Tausende dazu veranlaßt, sich in wahrere u. liebevollere Beziehungen zu ihren Nächsten zu setzen – wie aber kann ich wissen, ob das Buch nicht auf eine viel größere Menge den entgegengesetzten Einfluß ausgeübt hat. Es ist das eben nicht zu bestimmen. Und ferner, wenn ich mit nur einem Worte die Hunderttausende von Prostituierten von den Straßen unserer Großstädte wegfegen könnte, so würde ich es nicht tun, wenn ich mich dadurch der Möglichkeit berauben müßte, mich und meine Familie als Bodenarbeiter in ein gesundes und natürliches Verhältnis zu meinen Mitmenschen zu setzen, denn das letztere ist etwas positiv Gutes. Das andere kann es, kann es aber auch nicht sein.“

Tolstois Lieblingsbank in Jasnaja Poljana
Foto: Nick Philippovich, Juli 2025

Bereits am 21. August 1892 wurde in der „Ersten Ausgabe“ der „Dortmunder Zeitung“ der Artikel „Graf Leo Tolstoi“ publiziert, der dem deutschen Leser die Gelegenheit bot, sich mit der Situation der Schriftsteller im zaristischen Russland und einigen Aspekten des Lebens des renommierten Schriftstellers vertraut zu machen:

„Ein Schriftsteller ist in Rußland unter allen Umständen verdächtig, er wird sehr leicht mißliebig, kann dann bald als staatsgefährlich betrachtete werden und setzt sich fortan, wenn er seine Feder nicht ganz ruhen läßt, jeden Augenblick den ärgsten Verfolgungen aus. Selbst wenn er sich ganz in den Dienst der Regierung stellt, traut man ihm nicht recht, vielleicht weil man – und freilich nicht mit unrecht – meint, wer sich zum Werkzeuge des russischen Regierungssystems macht, sei je nach dem Angebot auch jedem anderen feil; vielleicht aber auch, weil man fürchtet, wer überhaupt schreibt, könne in einem unbewachten Augenblicke doch einmal Dinge in die Öffentlichkeit bringen, die den Trägern der Herrschenden Richtung unangenehm wären. Schriftsteller, die sich ihre Unabhängigkeit zu wahren suchten, haben in Russland stets trübe Schicksale gehabt; viele von ihnen sind im Auslande als politische Flüchtlinge, mancher auch im Inlande keines natürlichen Todes gestorben. Die Namen Turgenjew,7 Lermontow,8 Tschaadajeff,9 Jakuschkin10 und viele andere beweisen, wie man im Zarenreiche mit den hervorragenden Vertretern der nationalen Literatur umzugehen pflegt. Von dem Fürsten Menschikow,11 der als russischer Diplomat vor dem Beginne des Krimkrieges in Konstantinopel gerade keine sehr rühmliche Rolle gespielt hat, wird erzählt, er habe den famosen Ausspruch getan, daß russische Volk brauche keine Dichter und keine Literatur, es bedürfe nur des Gehorsams.“

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„Dieses Schicksal hat auch einen Mann betroffen, der sich durch seine humanen Bestrebungen große Verdienste erworben hat und der namentlich in der ländlichen Bevölkerung des Zarenreiches hohe Verehrung genießt, es aber auch verstanden hat, sich in der ganzen europäisch-kultivierten Welt bekannt und hoch geachtet zu machen, nämlich den Grafen Leo Tolstoi.“

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„Der „Vater der Elenden“, der „Wohltäter der Witwen“, der „Bauerngraf“ – das sind Beinamen, die ihm das Volk gegeben hat; und pilgernde Raskolniki (Sektirer)12 nannten seine Besitzung die „Herberge der Heimatlosen“ und trugen wandernd seinen Ruhm von Jasnaja Poljana bis in die entferntesten Gouvernements.

Auf diese Weise wurde Graf Tolstoi den Machthabern doppelt unbequem, einmal als Schriftsteller und zweitens wegen seiner Popularität.“

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„Das Hauptblatt der orthodoxen Panslavisten,13 der „Moskowskija Wedomosti“,14 entblödete sich nicht, die Verschickung des Grafen Leo Tolstoi nach Sibirien auf administrativem Wege zu empfehlen. Dieser Vorschlag machte überall, auch in Rußland selbst, das peinlichste Aufsehen, in der russischen Presse wurde sogar anerkannt, daß der „Bauerngraf“ in seinem Gouvernement mehr zur Linderung der Not getan habe, als die Regierung in allen anderen Notstandsgouvernements zusammengekommen.

Was das genannte panslavistische Blatt fordert, gilt der Petersburger Regierung als Befehl. Dessen ungeachtet glaubte man selbst in den letzteren nahestehenden Kreisen nicht, daß dem Grafen Maßregelungen zuteil werden wurden – seine Popularität war zu allgemein. Und nun geschah das Unglaubliche doch! Nach Sibirien hat man ihn nicht verschickt, aber auf Befehl des Ministers des Innern ist er wegen Staatsgefährlichkeit auf seinem Gute Jasnaja Poljana interniert. – Die Richtung, deren glühenden Haß sich der Graf zugezogen hat, ist in der Umgebung des Zaren fast allmächtig. Ja der russischen Bauernbevölkerung aber hat die Maßregelung das Menschenfreundes einen tiefen Eindruck gemacht, sie wird Haß säen und die pilgernden Raskolniki werden diese Saat auf ihren Wanderungen weiter tragen – bis sie eines Tages, früher oder später, aufgehen wird.“

In dem am 17. August 1900 im „Dortmunder Tageblatt“ (Nr. 192) erschienenen Artikel „Die Verbreitung des Anarchismus“ wurde der Respekt erwähnt, den der geistige Anführer der Anarchisten, Peter Kropotkin, vor der Meinung Tolstois hatte:

„Krapotkin hat in seinem Heimatlande und in Westeuropa reichliche Erfahrungen über die Arbeitswelt, ihre Wünsche und Hoffnungen und ihre politischen Verbände gesammelt. Er gehört zu der jungen Generation, deren Ansichten den altrussischen schroff gegenüberstehen, zu den „Söhnen“, die von den „Vätern“ nicht mehr verstanden werden, wie sie Turgenjew in seinem Roman schildert, und er huldigt der Meinung, die Tolstoi in seinem Roman „Auferstehen“ ausspricht: „Der einzige Platz, der einem gerechten Mann in Rußland gebührt, ist das Zuchthaus.“15

Dieser Artikel erregte die Aufmerksamkeit der Leser. In Ausgabe Nr. 196 wurde eine Antwort mit dem Titel „Und der Lebende hat recht” von einem anonymen Autor mit den Initialen F. F. T. veröffentlicht:

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„F. F. T.  Und der Lebende hat recht.

Man schreibt uns:

In Nr. 192 brachte das „Dortm. Tagebl.“ einen Artikel über die „Verbreitung des Anarchismus“, in welchem zwei interessante Namen mancherlei Gedanken erwecken – Krapotkin und Leo Tolstoi. Mit wenigen Worten wurde an jener Stelle des letzteren erwähnt, der, ein „Gegenkaiser im heutigen Rußland“, im Angesichte Europas an den bestehenden Einrichtungen eine vernichtende Kritik übt. Und keine Hand wagt es, sich gegen ihn zu erheben. Graf Leo Tolstoi ist heute in Rußland eine Art „Statthalter der Kultur“; was niemand zu sagen wagt, er spricht es aus; eine unbegreifliche Macht scheint ihn zu schützen. Auf Tausend Fragen der Verdrängten und Ratlosen hat er Antwort, und zwar eine kühne und bestimmte Antwort. Er ruft ungestraft das „Wehe!“ über die schreckliche Welt.

 Der Schriftsteller Tolstoi scheint sich von der Kunst abgewandt zu haben. Sein Roman „Auferstehung“, der in dem oben genannten Artikel erwähnt wurde, scheint kein Kunstwerk zu sein, aber er ist – eine große Wahrheit. Wenn, wie gesagt wird, „Poesie die Muttersprache des menschlichen Geschlechts“ ist, so trat sie ihm vor die Seele in ihrer ganzen Wucht. Und da schrieb er das gewaltigste soziale Drama von der Auferstehung und es packte die Seelen. Und doch – wie wenig Kunst! Kein kunstgerechter Entwurf, keine einheitliche Disposition, wirr und kraus geht er seine Wege, erzählt wie ein Mensch, den die Darstellung unbekümmert läßt, eine lässige, gleichgültige Anordnung der Dinge … aber es vollzieht sich etwas Seltsames: er hält ein Strafgericht, er schildert und enthüllt schonungslos, er reißt den Schleier von den Dingen, er zeigt die nackte Scheußlichkeit des Bestehenden.

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier eine Skizze des gewaltigen zuchtrutengleichen Werkes zu gebe, aber einzelne Momente wollen wir hervorheben. Da heißt es:

„… Das Land, welches dem Volke so notwendig ist, wird diesen dem Hungertode nahen Menschen (Bauern) bebaut, damit das Korn nach dem Auslande verkauft wird, und die Grundbesitzer sich Hüte, Stöcke, Wagen und dgl. Kaufen können. Das Volk stirbt aus, und sein Aussterben gewöhnt, übernahm es Gewohnheiten, die das Aussterben begünstigten … Kraftübergreifende Frauenarbeit, mangelhafte Nahrung usw. … Und so ist das Volk so stumpf geworden, daß es seinen Jammer schweigend erträgt. Und deshalb glauben auch wir, dies könne nicht anders sein. In wissenschaftlichen Gesellschaften, in Ministerien, in der Presse reden wir eifrig über die Ursachen der Volksarmut und über die Mittel, die Lage des Volkes zu verbessern. Von dem einzig sicheren Mittel zu diesem Zwecke reden wir nicht; wir reden nicht von der Freigabe des Landes an das Volk. Deswegen starben die Kinder und Alten, weil keine Milch da war. Sie hatten keine Milch, weil sie kein Land hatten, ihr Vieh zu weiden und Getreide und Heu zu ernten. … Das Land kann niemandes Eigentum sein, es kann nicht Gegenstand des Kaufs und Verkaufs sein, ebenso wenig wie Wasser, Luft oder Sonnenschein ….“

So übergibt der Held des Romans, ein Jünger Henry George’s17und Spencers,18 sein Land den Bauern und folgt seiner Geliebten nach – Sibirien.

Der Grundgedanke ist „Bodenreform“. Und dieser Gedanke muß, so sicher wie Wasser bergab läuft, über kurz oder lang die Welt aus der Qual des Elends erlösen. Muß!

Und nun führt uns der Roman nach Sibirien, in jenes Land, aus dem so manche trübe Kunde gedrungen. Will man wissen, wie’s dort zugeht, so lese man „Kennan, Sibirien und das Verbannungssystem“ (Bibliogr. Institut, Leipzig);19 man wird hier auch den Namen Krapotkin finden. In beiden Werken, Auferstehung von Tolstoi und Kennan, Sibirien, gehen wir die Wege der Verbannten-Transporte und sehen, wie die Menschen durch Infizierung aller Krankheitskeime vor Erreichung des Zieles durch den Tod erlöst werden; wir bekommen ein Bild davon, wie „die Läuse mit Menschen gefüttert werden“. Die Empörung über solche und ähnliche Dinge macht den Mensсhen Tolstoi zum Rebellen und er spricht das bereits in dem erwähnten Artikel zitierte Wort:

„Der einzig passende Ort für einen rechtschaffenen Mann in Rußland ist heute das Gefängnis.“

Heute? – In Rußland? Macht man sich der Übertreibung schuldig, wenn man sagt: „So können Bürger zu allen Zeiten mancher anderen Staaten auch sprechen?“ Sind Mißstände und Quallen unserer Zuchthäuser auch anderer Art, so müssen wir doch ehrlich sein und anerkennen: auch bei uns verkommt das Volk vielfach in Armut und das erbärmliche Gesetz der Erwerbbarkeit des Bodens hält manchen hungernd fern von den Quellen der Lebenskraft. Schreckliche Arbeit, hoffnungslosen Frondienst im Dienste der bevorzugten vergnügten Minderheit. Wehrt sich der Arbeiter durch den Streik gegen eine oft empörende Ausbeutung … Polizisten an allen Ecken! Bilden sich Syndikate und Ringe zwecks Ausbeutung … wo ist die schützende Macht?

Das Buch des großen Russen wird Nutzen bringen, vielleicht mehr Nutzen, als ein Dutzend ehrlich strebender und tätiger Könige. Hier, er, der Lebende, hat recht, – bei ihm liegt die Wahrheit, hier ist Offenbarung und Auferstehen. Das ist ein neues Evangelium, es birgt den Schlüssel des Rätsels der meisten sozialen Schmerzen. Hier wir uns das neue Banner einer neuen Gemeinschaft aufgerollt, einer Gemeinschaft, in der nicht Leid und Qual, sondern Glück und Befreiung leuchten: Liebe! Nicht die paulinistische20 Liebe, der dogmatisch fixierten Lehre Christi entnommen, sondern die erlösende, befreiende, wahre Liebe, die im Nebenmenschen das eigene „Ich“ sieht. „Mit Sachen kann man ohne Liebe verkehren, man kann Bäume fällen, Ziegel brennen, Eisen schmieden ohne Liebe, aber mit Menschen kann man ohne Liebe nicht umgehen.“ Ja der Lebende hat recht!“

Am 20. und 22. Februar 1901 wurde die „Entscheidung des Heiligen Synods über Graf Leo Tolstoi” veröffentlicht. Darin wurde offiziell verkündet, dass Tolstoi aufgrund seiner öffentlich geäußerten Überzeugungen nicht mehr Mitglied der Orthodoxen Kirche sei.

Die „Entscheidung“ löste in der russischen Gesellschaft stark polarisierte Reaktionen aus – von direkten Drohungen gegen Tolstoi bis hin zu Solidaritätsbekundungen. Da es nie zu einer Versöhnung des Schriftstellers mit der orthodoxen Kirche kam, wurde sie später nicht aufgehoben und ist weiterhin gültig. Tolstoi erhielt ständig Beileidsbriefe und -telegramme. Zahlreiche Organisationen unterschiedlicher Art stellten sich auf die Seite des Schriftstellers. In St. Petersburg, Moskau, Kiew und anderen Städten fanden Solidaritätskundgebungen für ihn statt.

Auch die deutsche Provinzpresse blieb davon nicht unberührt. So schrieb das „Dortmunder Tageblatt“ am 21. Mai 1901:

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 «… die russische Literatur ist längst schon mündig geworden; sie hat der gebildeten Welt neue, noch unerforschte und unbetretene Wege gezeigt und den aufgeklärteren Teil des russischen Volks auf Ideale hingewiesen, die mit Pobjedonoszews22 Idealen nichts gemein haben. Diese seit Bjelinski,23 Puschkin24 und Gogol25 entstandene, inhaltsvolle Literatur ist zwar autochthon, aber deshalb nicht minder gefährlich, sie muß daher, wenn auch nicht ausgerottet, so doch in ihren Wirkungen möglich paralysiert werden. Ihr hervorragendster Repräsentant unter den Lebenden ist Graf Leo Tolstoi, und daher richtet sich der Haß und Zorn des Oberprokurors, der diesen, großen, hochverehrten Denker und Dichter wie eine nationale Pest verbscheut, hauptsächlich gegen ihn. Ihn direkt anzutasten, wagt er aber nicht, denn er weiß, daß der Verfasser der „Auferstehung“ von allen Russen geliebt, der ganzen Welt bekannt und von Allen, die seine Lehre kennen und begreifen, hochgeachtet ist.

Tolstois Verbannung oder Einkerkerung zu fordern, wäre gar zu gefährlich; er darf ihn nicht zum Märtyrer machen, denn dadurch würde er nur größer und gefährlicher. Er ließ ihn also exkommunizieren und verbot seinen orthodoxen Priestern, dem Verbreiter der reinen Lehre Christi den geistlichen Beistand in seinen letzten Lebensstunden zu gewähren und bei seiner Beerdigung zu assistieren. Den Beistand dieser Priester braucht Leo Tolstoi nicht, und von seinem Tun wird er auch ohne ihre Vermittlung seinem Gotte Rechenschaft ablegen. Daher verschmäht es auch, sich gegen diese Exkommunikation zu wehren. Der Bannstrahl des Allerheiligsten Synods ist aber dennoch ein verabscheuungswerter Eingriff in die Gewissensfreiheit, und darum hat die Gattin des Exkommunizierten ihren Unwillen darüber in folgende Worte gekleidet:

„ … Mein schmerzlicher Unwille ist grenzenlos … Nicht Zustimmung erweckt dieser Beschluß, sondern Empörung und für Leo Tolstoi große Liebe und Empathie. Schon jetzt erhalten wir zahlreiche Beweise davon, sie werden nicht aufhören und sie kommen aus der ganzen Welt … Besteht denn die Kirche aus jenen Menschen, die durch ihre Bosheit das oberste Gesetz der christlichen Liebe vergewaltigen? Wäre das der Fall so würden wir Alle, die wir wahrhaft glauben und die Kirche besuchen, uns längst von ihr losgesagt haben. Es sind nicht die verirrten Wahrheitssucher, die des sündhaften Abfalls beschuldigt werden müssen, sondern diejenigen die in ihrem Hochmut sich die Herren der Kirche nennen, und die, anstatt Liebe, Demut und Allvergeben zu verbreiten, sich zu den geistigen Henkern Derer machen, die Gott sicher begnadigen wird, um ihres Lebens voller Demuth voller Verzicht auf irdische Güter, voller Liebe und Hilfsbereitschaft willen, auch wenn sie außerhalb der Kirche stehen. Gott wird sie sicherer begnadigen als jene Hirten der Kirche, die mit Brillanten geschmückten Mitren und Sterne tragen, aber strafen und exkommunizieren …“

Die Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Entscheidung der Synode sowie auf Tolstois Antwort darauf fielen unterschiedlich aus. Tolstoi erhielt viele Briefe, die Flüche, Ermahnungen, Aufrufe zur Reue und Versöhnung mit der Kirche sowie sogar Morddrohungen enthielten.

Besonders scharfe Kritik übte Erzpriester Johannes von Kronstadt26 im Jahr 1902. Er bezeichnete Tolstoi als Atheisten, verglich ihn mit Judas und warf ihm vor, er verzerre seine Persönlichkeit „bis zur Hässlichkeit“. Am 14. Juli 1908, dem Vorabend von Tolstois 80. Geburtstag, veröffentlichte die Moskauer Zeitung „Novosti Dnya“27 ein Gebet, das laut den Herausgebern von Johann von Kronstadt verfasst worden war. In diesem wurde Gott darum gebeten, „Leo Tolstoi und alle seine glühenden Anhänger von der Erde zu nehmen“.

In seiner Ausgabe vom 5. August 1905 teilte das „Dortmunder Tageblatt“ seinen Lesern mit:

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Petersburg, 5. Aug. Der Rat der Professoren der Universität Dorpat erwählte zu Ehrenmitgliedern Leo Tolstoi und den bekannten Geistlichen Johann von Kronstadt. Dieser sandte aber das Diplom dankend zurück mit der Begründung, daß er nicht zusammen mit einem so gottlosen Menschen wie Tolstoi in einer Kategorie figurieren wolle.

Leo Tolstoi besuchte regelmäßig Moskau. Der Schriftsteller war auch oft im Kreml zu Gast, wo die Familie seiner Frau Sofja Andrejewna lebte.

Ihr Vater, Andrei Jewstafjewitsch Behrs (* 1808; † 1868), war als Arzt im Ministerium des kaiserlichen Hofes tätig und Wirklicher Staatsrat. Er stammte aus deutschem Adel.´In den Jahren 1886, 1888 und 1889 wanderte L. N. Tolstoi dreimal von Moskau nach Jasnaja Poljana. Nach Tolstois Exkommunikation verbreiteten sich Gerüchte, dem Schriftsteller sei die Einreise nach Moskau verboten worden. Am 26. September 1903 erschien dazu folgender Artikel im „Dortmunder Tageblatt“:

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„- Tolstoi in Moskau. Auf eine telegraphische Anfrage an einen in London lebenden intimen Freund der Tolstovischen Familie, ob es wahr sei, daß dem Grafen Tolstoi der Aufenthalt in Moskau verboten worden ist, erhielt die „Volksztg.“30 die Antwort: „Erdichtet!“ Sie bemerkt dazu: Es handelt sich scheinbar um einen Journalisten, der, wie Gogol sich über seinen Helden Tschitschikow31 ausdrückt, eine „große Leichtigkeit in Gedanken“ besitzt. Auch die Allmacht der russischen Regierung hat ihre Grenzen. Die Herrschaften in Petersburg würden kaum so unpraktisch handeln, Tolstoi irgendwo den Aufenthalt, besonders in Moskau, zu verbieten. Tolstoi hat immer seine Meinung offen ausgesprochen, alle Dinge ihren rechten Namen genannt. Da er schon jahrzehntelang seine Ansichten und Lehren mit voller Namensunterschrift predigt, wird die russische Regierung nicht darauf verfallen, Tolstoi irgendwie seiner Freizügigkeit zu berauben und das zu einer Zeit, da er im Greisenalter steht und die russische Gesellschaft mit großer Aufmerksamkeit ihre Blicke auf ihn gerichtet hält. Ein solches Verbot wäre nur im Stande, Gärungen im Lande hervorzurufen. In Moskau werden jetzt ernste Studentenunruhen erwartet, und die Regierung würde nicht noch mehr Wasser auf die Mühle der Unzufriedenen gießen. Außerdem ist es in Rußland bekannt, daß der Zar, an den Tolstoi mehrmals mit der im eigenen Offenheit und Unzufriedenheit geschrieben hatte, verordnet hat, daß gegen Tolstoi was er auch tun und schreiben mag, nichts geschehen soll. Vor zwei Jahren, als eine Frau, die die verbotenen Tolstovischen Schriften in Russland verbreitete, verhaftet wurde, schrieb Tolstoi an den Justizminister, nannte ihn einen Lügner und Verräter, forderte, daß er – Tolstoi – als der Autor dieser Schriften und nicht die Frau, die sie bloß verbreitete, bestraft werden soll. Tolstoi wurde nicht bestraft und durfte sich frei, wo es ihm gefiel, bewegen. Als vor einigen Jahren die Hochzeit eines Sohnes von Tolstoi in Moskau stattfand, wollte nicht Tolstoi in den Saal treten, bis der Mann mit den blanken Knöpfen und dem Gewehr“ – es handelte sich um den Großfürsten Sergej Alexandrowitsch32 – weggegangen wäre …. Auch vor zwei und einem halben Jahre, als in Moskau die Studentenunruhen stattfanden und Tolstoi sich an die Demonstranten mit einer Ansprache wandte, kleidete der Polizeimeister seine Bitte an Tolstoi, daß er dies unterlassen solle, in die vorsichtigen Worte: „Euer Durchlaucht, hier wartet auf Sie Ihre Equipage“, worauf Tolstoi kurz erwiderte: Ich habe keine Equipage“ und seine Rede fortsetzte. ABER SELBST WENN Herr v. Plehwe33 sich zu einer solchen politisch unklugen Taktlosigkeit versteigern sollte, hätte sein Verbot keinen Erfolg. Tolstoi würde ohne weiteres, wenn er nur Lust dazu hätte, Moskau besuchen. Was dann?.. Man wird den Grafen Lew Nikolajewitsch Tolstoi nicht mit Gendarmenbegleitung nach Jasnaja-Poljana schicken. Tolstoi ist die große Eiche der russischen Erde, die sogar die Mächtigen Armee der russischen Regierung zu umfassen nicht imstande sind. Das weiß Herr v. Plehwe sehr gut, obwohl er sich in einem Gespräche geäußert hat, daß er die russische Literatur, die die größte Feindin des russischen Staates, vernichten werde. Die Zeiten haben sich geändert. Einst war es möglich, daß große Genie Dostojewski34 auf Grund einer falschen Beschuldigung zum Tode zu verurteilen, nach dem Totenhause in Sibirien zu verbannen und – sollen wir die ewige Schmach der russischen Geschichte in Erinnerung bringen? – zu prüfen …. Jetzt ist dies undenkbar. Jetzt ist schon vieles nicht mehr denkbar. Schade, daß die französischen Zeitungen so schlecht über die Stellung Tolstoi’s in Rußland unterrichtet sind, sonst würden sie nicht solche sensationelle und unsichere Nachrichten bringen.“

Im Jahr 1884 schrieb Tolstoi die Erzählung „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“, in der er sich als Verrückter bezeichnet, im Gegensatz zu den „Gesunden“, die sich aus der Perspektive des gesellschaftlichen Konsenses angemessen verhalten. Dieses Werk sowie einige andere Umstände im Privatleben des Schriftstellers gaben den Behörden Anlass, den „unbequemen“ Schriftsteller für verrückt zu erklären und zu versuchen, ihn von der Öffentlichkeit zu isolieren.

Am 6. November 1903 berichtete das Dortmunder Tageblatt seinen Lesern auf der Titelseite von einem fast anekdotischen Vorfall, der dem italienischen Psychiater Marco Ezechia Lombroso (* 1835; † 1909) widerfuhr, als er Tolstoi besuchen wollte.

„– Der „verrückte Tolstoi“. Deroffizielle Haltung der russischen Regierung gegen Tolstoi, schreibt die St. James Gazette, kennzeichnet am besten eine Erfahrung, die der Kriminalist Lombroso jüngst während seines Aufenthalts in Moskau machte. Lombroso, der dem Dichter und Denker gern seine Verehrung bezeigen wollte, telegraphierte von Moskau aus an Tolstoi und bat ihn um eine Zusammenkunft. Kaum war jedoch die Depesche aus dem Hotelzimmer, in dem er sich aufhielt, fortgebracht worden, so klopfte es an die Tür, und herein trat der Polizeikommissar. „Herr Lombroso, wir bemerken, daß Sie soeben an Tolstoi telegraphiert haben.“ „Das stimmt … Was gibt es?“ fragte der Professor, der keine Ahnung hatte, worauf der Beamte hinaus wollte. „Aber Tolstoi ist verrückt,“ meinte der Kommissar, der seinen Argwohn nur schlecht verhehlen konnte. „Oh, das ist es also!“ rief Lombroso. Dann aber erfasste er schnell die Gelegenheit, „Das schadet nicht, Herr Kommissar, ich bin autorisierter Arzt und beschäftige mich gerade mit Studien über den Wahnsinn.“ „Wirklich“, murmelte der Beamte, „der Herr beschäftigt sich mit Studien über Wahnsinn … Ich verstehe. Der Herr hat also die Erlaubnis …“ Mit einer Gebärde der Geringschätzung zog sich der Beamte zurück. Und Lombroso konnte ohne weitere Beschäftigung seine Verabredungen zu einer Zusammenkunft mit Tolstoi treffen.“35

Nach Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges im Jahr 1904 verfasste Leo Tolstoi einen Antikriegsartikel mit dem Titel „Besinnt Euch!“.

Der Artikel beginnt mit einer allgemeinen Einschätzung des Krieges: „Wieder unnötiges, durch nichts verursachtes Leid, wieder Lügen, wieder allgemeine Verblödung und Verrohung der Menschen.“ Tolstoi kann sich nicht vorstellen, dass der Krieg nicht nur ein Traum ist, sondern Wirklichkeit. Dies widerspricht sowohl den Lehren der russischen Staatsreligion, dem Christentum, als auch den Prinzipien des Buddhismus, den Tolstoi als die wichtigste Religion Japans betrachtet. Laut Tolstoi verbieten beide Religionen Mord. Er bezeichnet den Krieg als „das größte Verbrechen der Welt“ sowie als „Brudermord“ und merkt an, dass die Menschen erst nach „Jahrhunderten der Gewalt und Täuschung“ den Krieg als „tapfere Tat“ anerkannten.

Tolstoi macht die „aufgeklärten Menschen“ für die Täuschung des Volkes verantwortlich. Sie seien bereit, „den Krieg zu predigen, ihn zu fördern, sich daran zu beteiligen und, was am schlimmsten ist, ihn anzuzetteln und ihre unglücklichen, betrogenen Brüder in den Krieg zu schicken, ohne sich selbst den Gefahren des Krieges auszusetzen“.

Da eine Veröffentlichung in Russland nicht möglich war, gab der Verlag „Swobodnoje Slowo“ den Artikel als separate Broschüre heraus. Wladimir Tschertkow übersetzte ihn und die Broschüre wurde am 27. Juni 1904 in der britischen Zeitung „The Times“ veröffentlicht. Anschließend wurde er in vielen Ländern verbreitet und schnell in andere Sprachen übersetzt.

Bereits am 29. Juni 1904 erschien in den „Altonaer Nachrichten” unter dem Titel „Leo Tolstoi über den Krieg” eine Antwort auf Tolstois Artikel:

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„Leo Tolstoi über den Krieg

Der Aufsatz des Grafen Leo Tolstoi über den Krieg, den die „Times“ veröffentlicht, ist ein merkwürdiges Dokument, vielleicht noch merkwürdiger als die seltsamsten Erzeugnisse des russischen Philosophen. Es ist eine Art Glaubendbekenntnis, dann wieder, wenn man will, ein politisches Manifest, eine phantasievolle Schilderung der Leiden des russischen Bauern, der in den Krieg zieht, ein Versuch die Gedanken zu erraten, die diese in das Feld hinausziehende Leute hegen, und so weiter. Das ganze ist, wie die „Times“ selbst mit einigem Recht sagt, ein heillos verwirrtes Schriftstück. Der Verfasser führt Bibelstellen an, um sie als Argumente für seine Behauptungen und Auffassungen hinzustellen, wie ein mittelalterlicher Scholar“ sagt die „Times“ – und in demselben Augenblick bezeichnet er alles, was die Kirche lehrt, als Aberglauben und Unsinn. Als schlimmstes, dessen der Mensch auf dieser Erde fähig ist, erscheint ihm das Blutvergießen, und dabei scheint es ihm gar nicht klar zu sein, daß er mit jedem Wort, das er niederschreibt, kein Volk zu dem schlimmsten Blutvergießen anreizt, das es gibt, zu dem Bürgerkrieg, zur Revolution. Die Sprache ist, wie gewöhnlich in Leo Tolstois Werken, über alle Maßen übertrieben, sodaß wirklich jeder Leser davor zurückschrecken muß, diese Erklärungen als bare Münze zu nehmen. Es werden Briefe angeführt, die die Auffassungen der russischen Bauern widerspiegeln sollen, die aber offenbar von gelehrigen Schülern des russischen Philosophen geschrieben worden sind. Aus jeder Zeile tritt die gänzliche Unfähigkeit hervor, die Grundlagen der menschlichen Gesellschaftsordnung zu verstehen und überall fühlt man nur, daß der Verfasser zerstören will, aber sich noch keinen Augenblick überlegt hat, was er an die Stelle des Alten setzen würde, wenn ihm sein Zerstörungswerk gelingen würde.

Das Motiv, das überall in dem Aufsatz wieder hervortritt, ist das Fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten“. Der Krieg ist dem Verfasser die größte Sünde, die er sich denken kann, und darum erscheint es ihm als jedes Russen Pflicht, sich zu weigern an dem Kampf teil zu nehmen – zu töten. „Ob Du ein Zivilist bist oder ein Soldat, das ist ganz einerlei: Du sollst nicht töten.“ Es möge kommen, was da kommen wolle, wenn Port Arthur und selbst Peterburg und Moskau in die Hände des Feindes fallen sollten, es bleibe immer die unabweisbare Pflicht des Russen, nicht zu töten. Weder der Autokrat auf dem Throne, noch der Bauer, der das Feld bestellt, habe auch nur das Recht über die Konsequenzen einer solche Haltung nachzudenken. Und wenn es den Tod des Einzelnen oder den Untergang des Staates bedeuten sollte. Die einzige Pflicht bleibe immer dieselbe, nicht zu töten. Die Idee des Schiedsgerichtshofes im Haag wird verworfen, ebenso wie der Gedanke des europäischen Konzerts37 und alle Vorschläge des Herrn von Bloch.38 Die Bekehrung zu den Tolstoi’schen Lehren ist das einzige, was die Welt vor dem Untergange retten kann. Weder die „unnütze Arbeit des Geistes, die man Wissenschaft nenne“, noch der absurde Aberglaube der von den verschiedenen Kirchen gelehrt werde, könne noch etwas helfen. Weiter führt der Verfasser in harten Worten aus, es sei eine Lüge zu behaupten, daß Rußland gesucht habe, im fernen Osten den Frieden zu erhalten. Der Vater des Haager Tribunals habe gesucht, den Frieden zu erhalten, indem er anderen Leuten ihr Land weggenommen habe, an welchem die Russen auch nicht das geringste Recht hatten, und indem er seine Armeen verstärkte, die dieses Land gestohlen hatten. „Dieser unglückliche Mann“, heißt es da, „der als Führer von hundert und dreißig Millionen Menschen anerkannt wird, sieht sich gezwungen, allen seinen Vorsätzen entgegen, die Truppen zu segnen, die in den Krieg ziehen, um durch Mord das Land zu gewinnen, das dem Zaren ebenso wenig gehört wie die Soldaten, die er hinausschickt. Die russische Kirche wird noch schärfer angegriffen. Nikolaus Romanoff39 und Alexis Kuropatkin40 schicken ganze Scharen hinaus, die sich dort töten lassen müßten, um die Dummheiten, die Räubereien und Verbrechen immoraler Leute zu verteidigen, die ruhig in ihren Palästen säßen, um neuen Rum und neuen Profit aus allen diesen Schlachtereien zu ziehen. Gelegentlich wird behauptet, daß Chinesen von den Russen lebendig begraben worden seien. Während man andere an ihren Zöpfen zusammengebunden und dann in den Amur geworfen habe. Dann ist wieder von „dunklen Geschäften gewissenloser Spekulanten“ die Rede, denen es auf weiter nichts angekommen sei, als Geld aus anderer Leute Wäldern zu ziehen. Das, sagt Graf Tolstoi, seien die wahren Gründe. Für welche die russischen Bauern jetzt sterben müßten. Übrigens kommen die Japaner nicht besser weg, denn sie werden ebenso scharf dafür angegriffen, daß sie den Herausforderungen der Russen nicht in anderer Weise Widerstand leisteten.

Der letzte Teil des Aufstandes ist mach der Schlacht am Yalu41 geschrieben, und der Ton dieses Teiles ist beinahe noch stärker als der des ersten. Graf Tolstoi fragt, wann das irregeführte Volk sich endlich entschließen werde, seine Sache in die eigene Hand zu nehmen. Wann, fragt er, werden sie einmal zu den Zaren, Mikados, Ministern, Priestern, Generälen, Redakteuren und Spekulanten sagen: „Geht und stellt Euch selbst in diesen Kugelregen, wir haben keine Lust mehr zu gehen und werden auch nicht mehr gehen.“ Graf Tolstoi meint, es würde nur ganz natürlich sein, wenn sie dies einmal sagen würden. Die meisten von den Soldaten könnten lesen, sie wüßten, daß die Japaner besser bewaffnet seien als sie selbst, aber sie würden trotzdem fortfahren, hinausziehen, nicht etwa aus Patriotismus, sondern lediglich aus Furcht. Zum Beweis für diese Behauptungen werden dann Briefe angeführt, deren Wert als sehr zweifelshaft bezeichnet werden muß, solange nicht der Beweis dafür erbracht ist, daß es sich nicht um Anhänger des russischen Philosophen und seiner Lehren handelt. Selbst die „Times“ bezweifelt, daß es in Port Arthur viele Matrosen gibt, die so denken, wie derjenige, der bei Tolstoi anfragt, ob es nicht eine Sünde der Vorgesetzten sei, wenn diese ihn zwängen, zu töten. „Findet der alte Ruf für Gott, König und Vaterland keinen Widerhall mehr in den Seelen der Russen?“ fragt die „Times“; aber, sagt das Blatt dann zum Schluß, selbst wenn man annimmt, daß alles außerordentlich übertrieben ist, muß man sich wundern, daß überhaupt solche Fragen von einem der bedeutendsten Denker des russischen Volkes aufgeworfen werden können.“

Die stetige Verkleinerung der Landzuteilungen aufgrund des Bevölkerungswachstums führte dazu, dass die Losung der russischen Bauernschaft in der Revolution von 1905 die Umverteilung des Grundbesitzes zugunsten der Bauerngemeinschaften war. Es begann die Plünderung der Ländereien der Gutsbesitzer und die Beschlagnahmung von Land.

Hier sind zwei Auszüge aus Dušan Makovickýs42 Tagebuch für November 1905:

„5. November. Samstag.

Ein Lohnarbeiter, der Tula besuchte, sagte, es kursiere das Gerücht, dass sich in Jasnaja Poljana verschiedene Sozialisten versteckten und die Männer würden wahrscheinlich kommen, um uns zu schlagen und auszurauben.

 L. N.43 traf dreimal eine unbekannte Person, die auf den Boden schaute. Auch Andrei Lwowitsch44 fürchtet die Zerstörung von Jasnaja Poljana.

21. November

Alexandra Lwowna45 kam von Sweginzewa.46 Sweginzewa hatte gehört, dass die Bauern aus Trosnoje und Teljatinsk sagten, L. N. habe eine Million für die Hungernden, habe das Geld jedoch versteckt. Sie würden kommen, um das Geld zu holen und das Gut zu zerstören. Sweginzewa riet L. N., nach Petersburg zu gehen.“

Die deutsche Öffentlichkeit und Presse verfolgten die Ereignisse in Russland sowie das Schicksal von Lew Nikolajewitsch Tolstoi aufmerksam:

„Moskauer Blätter berichten, daß ein Versuch gemacht worden sei, Tolstois Gut Jasnaja Poljana zu überfallen. Bald nach der Veröffentlichung des ersten Zarenmanifestes tauchten in den Dörfern bei Jasnaja Poljana geheimnisvolle Fremdlinge auf, welche die Bauern anzureizen suchten, gegen das Gut des großen russischen Dichters vorzugehen und dort alles niederzubrennen. Diese Propaganda erlitt aber ein vollständiges Fiasko. Die Bauern hörten nicht nur nicht auf die Anstiftungen der Agitatoren, sondern bedrohten diese so energisch daß die Fremdlinge sich nur durch die Flucht retten konnten. Dessen ungeachtet hört aber die Propaganda in der Gegend nicht auf. Dem Dorfältesten von Jasnaja Poljana soll erst jüngst wieder von Agitatoren der Vorschlag gemacht worden sein, auf einen Gemeindebeschluß hinzuwirken, der einen Raubzug auf das Gut des Grafen Tolstoi proklamieren würde.“47

Am 31. Juli 1906 wurde Mejer Jakowlewitsch Herzenstein (1859; †1906), der Vorsitzende der Agrarkommission der Ersten Staatsduma von 1906, durch einen Revolverschuss getötet.

Herzenstein forderte die Zwangsenteignung der Grundbesitzer, um die „Landfrage“ in Russland radikal zu lösen. Die russischen Bauern verstanden, dass Herzenstein ihre Interessen verteidigte. Sie sagten: „Die Schurken wussten, wen sie töteten. Obwohl er von Geburt an Jude war, bemühte er sich so sehr um das orthodoxe Volk.“48

L. N. Tolstoi besuchte mehrmals Herzensteins Haus.

In seiner Ausgabe vom 3. August 1906 reagierte das „Dortmunder Tageblatt“ auf diesen politischen Mordanschlag:

„Erinnerung an Herzenstein.

Den ermordeten früheren Dumaabgeordneten Herzenstein, so heißt es in unserem Berliner Morgenbrief, hat Ihr Berliner Korrespondent gut gekannt. Er hatte in Berlin anfangs der achtziger Jahre studiert und namentlich Adolf Wagner49 gehört. Er kehrte oft und gerne hierher zurück … Und im Kreise wissenschaftlich beachtenswerter Personen sind denn auch wir ihm begegnet. Das Dunkel, das über der Mordtat liegt, wird sich vermutlich dahinaufklären, daß es Reaktionäre, sogenannte Patrioten, waren, die den merkwürdigen Mann erschossen haben. Herzenstein konnte bis zum Zusammentritt der Duma als verhältnismäßig gemäßigter Politiker gelten. Wenn man ihn in Berlin sprach, entwickelte er Ideen, die man, um deutsche Parteibezeichnungen zu gebrauchen, ungefähr linksnationalliberal oder freisinnig nennen könnte. Niemand hatte aber eine Veranlassung, in diesem ruhig redenden, stets auf wissenschaftlicher Grundlage stehenden, gern dozierenden Manne den wilden Fanatiker zu vermuten, zu dem er sich in dieser Duma entwickelt hatte. Herzensteins Tod wird aufrichtige Teilnahme auch unter einen seiner deutschen Bekannten erwecken, die die radikale Mauserung des Ermordeten mit Befremden beobachtet haben. Wir möchten noch hinzufügen, daß im Hause Herzensteins in Moskau Graf Leo Tolstoi kein seltener Gast war.  Der berühmte Dichter schätzte den Mann hoch, schätzte aber auch seine kluge Frau, die vor langen Jahren wegen nihilistischer Umtriebe nach Sibirien verschickt worden war. Nach ihrer Rückkehr mit Herzenstein verheiratet, hatte sie sich unter seinem Einfluß von den Umsturzideen ihrer Jugend abgewendet. Nicht unmöglich, daß nunmehr wieder dem Einfluß ihres zurückgekehrten Radikalismus Herzenstein für die extreme Richtung gewonnen wurde, die er in der Duma mit so viel Leidenschaft vertreten hatte.“50

Viele bedeutende russische Schriftsteller äußerten antisemitische Vorurteile. Im russischen Kulturkreis gab es kaum Juden, und die Barrieren waren schwer zu überwinden. Der gebildetste Teil der jüdischen Gesellschaft, der mit dem Judentum verbunden war – Rabbiner, Weise und Gelehrte, – war der russischen Oberschicht von vornherein fremd. Im Allgemeinen wurden Juden als Wucherer, Handwerker und Gastwirte wahrgenommen. Die herrschenden Kreise und der Adel behandelten sie meist unfreundlich.

Als Reaktion auf das Kischinewer51 Pogrom vom 19./20. April 1903 gab Tolstoi den Juden die Schuld an den unschuldigen Opfern: „Wie alle Menschen brauchen auch die Juden zu ihrem eigenen Wohl eines: andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, und die Regierung nicht mit Gewalt, sondern mit einem guten Leben zu bekämpfen.“

Diese Aussage rief bei einem bedeutenden Teil der russischen Intelligenz Missverständnisse hervor. Auch die deutsche Presse machte ihre Leser auf solche Gedanken Tolstois aufmerksam:

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„Leo Tolstoi über die Juden. Aus Petersburg wird dem „Pester Lloyd“ geschrieben: Eine hervorragende Persönlichkeit hatte mit Leo Tolstoi in Jasnaja-Poljana eine Unterredung über die Judenfrage und teilt nun in dem Blatte „Tulskija Wjedomisti“54 die Worte mit, die der greise Dichter geäußert hat. Tolstoi sagt wörtlich: „Eine spezielle „jüdische Frage“ darf es gar nicht geben. Alle Menschen sind Brüder. Die Hetzereien und Aufreizungen der antisemitischen Presse werden auf anständige Leute keine wie immer geartete Wirkung haben. Was nun die Frage der Gleichberechtigung betrifft, so dürfen die Juden als Menschen von dieser Gleichberechtigung nicht ausgeschlossen werden. Sie sind in humanitärem Sinne Brüder aller anderen Nationalitäten und keine Einschränkung ihrer Menschenrechte darf geduldet werden. Meiner Ansicht nach liegt auch keine Notwendigkeit vor, die Assimilation der Juden mit den christlichen Völkern anzustreben, denn sehen Sie (Tolstoi machte dabei mit einem Stäbchen einige Zeichen), hier stehen Juden, hier Christen, aber über den Juden und Christen erhebt sich das allgemeine Menschheitsideal. Diesem Ideal müssen Juden und Christen in gleicher Weise zustreben und dann wird die Assimilation von selbst kommen. Worin besteht dieses Ideal? In der Selbstvervollkommnung, im Wohltun nach Kräften und in lebensfreudigem Sinn des wahrhaften Glaubens, der das Leben erneuert. Dieser Glaube muß nun von den Wucherungen befreit werden, die verschiedene Irrlehren der Juden und Christen erzeugt haben.“

Leo Tolstoi litt an verschiedenen Krankheiten, darunter chronische Lungenentzündung und Gallenblasenentzündung. Möglicherweise war er auch von affektiver Epilepsie betroffen. Trotz dieser Erkrankungen blieb er bis ins hohe Alter körperlich aktiv und geistig klar.

Im März 1908 verschlechterte sich der Gesundheitszustand des großen Schriftstellers erheblich. Deutsche Zeitungen berichteten darüber und deuteten einen möglichen tödlichen Ausgang deutlich an:

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„Graf Leo Tolstoi im Sterben

Tolstoi der berühmte russische Dichter-Graf und Naturphilosoph liegt im Sterben. Im Befinden des greisen Schriftstellers ist vor einigen Tagen nach einem schweren Influenza-Anfall eine Gehirnerschütterung eingetreten und der Patient liegt bewußtlos. Der Tod kann jeden Augenblick erwartet werden oder bis zum Druck dieser Zeilen erfolgt. Graf Leo Nikolajewitsch wurde am 8. September 1828 auf der Besitzung seines Vaters Jasnaja Poljana im Gouvernement Tula geboren, bezog 1843 die Universität in Kazan, studierte orientalische Sprachen und wurde 1848 Jurist. Seine auf der ganzen Welt berühmten Werke haben ihn in die Reihen der ersten Schriftsteller unserer Zeit gerückt. Seine Schriften, die in der ganzen gebildeten Welt bekannt sind, können wir aus Mangel an Raum hier nicht einzeln aufführen; wir nennen nur einige seiner letzten Werke, wie „Die Kreuzersonate“, „Herr und Arbeiter“, Das Himmelreich, „Christentum u. Patriotismus“ usw. Seine Eigenart, sich vollständig als Bauer zu gehen, zu leben und arbeiten, haben ihn zum Sonderling gestempelt. Auf seiner Besitzung Jasnaja Poljana lebt nun Tolstoi vollständig zurückgezogen im Kreise einer großen Familie, geliebt und verehrt von seinen Anhängern und Bauern, die den patriarchalischen Alten wie einen Apostel und Propheten verehren und anbeten.“

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„Petersburg, 28. August. Aus Jasnaja Poljana eingetroffene Nachrichten besagen, daß Tolstoi den sonst bei ihm üblichen alltäglichen Empfang aufgegeben hätte, weil sein Zustand sich bedeutend verschlechtert hat. Das letzte Bulletin meldet, die Temperatur habe sich erhöht und die Schmerzen am Fuß hätten zugenommen. Schlaflosigkeit und große Schmerzen haben Tolstoi veranlaßt, jetzt endlich sich den Verordnungen zu fügen.“

In der Nacht des 10. November 1910 setzte L. N. Tolstoi seine Entscheidung, seine letzten Jahre im Einklang mit seinen Ansichten zu leben, in die Tat um. Er verließ Jasnaja Poljana für immer – heimlich und nur in Begleitung seines Arztes Dušan Makovický.

Dabei hatte Tolstoi nicht einmal einen konkreten Aktionsplan. Seine letzte Reise begann er am Bahnhof Schtschokino. Am selben Tag erreichte er nach einem Umstieg am Bahnhof Gorbatschowo die Stadt Belev in der Provinz Tula. Von dort aus fuhr er auf die gleiche Weise, aber mit einem anderen Zug, zum Bahnhof Kozelsk. Dort heuerte er einen Kutscher an, der ihn nach Optina Pustyn59 fuhr. Am nächsten Tag ging es weiter zum Kloster Schamordino,60 wo er seine Schwester Maria Nikolajewna Tolstaja61 traf.

Später traf Tolstois Tochter Alexandra Lwowna62 heimlich in Schamordino63 ein. Die Nachricht von Tolstois unerwartetem Verschwinden beunruhigte seine deutschen Leser.

„Zum Verschwinden des Grafen Tolstoi

Petersburg, 14. Nov. Über die Vorgeschichte des rätselhaften Verschwindens des Grafen Tolstoi wird aus Tula berichtet: Ein paar Tage nach dem Verschwinden erklärte Graf Tolstoi seiner Frau, er müsse noch vor seinem Tode ein Buch schreiben, das den Titel „Ein russischer Robinson“ führen werde. Zwei Söhne und die Tochter des Grafen eilten sofort nach dem Eintreffen der Nachricht von dem Verschwinden des Vaters nach Jasnaja Poljana. In der Nacht des Verschwindens, um 8 Uhr morgens erwachte Tolstois Gattin von einem Geräusch. Als sie sich ankleidete, rief Tolstoi ihr zu. Sie solle sich nicht beunruhigen, er wolle sich nur vom Arzt eine Inhalation applizieren lassen. Bald darauf war Tolstoi abgereist.

Petersburg, 14. Nov. Leo Tolstois geheimnisvolles Verschwinden bildet hier das Gespräch des Tages. Es schwirren die verschiedensten Gerüchte über die Ursachen, jedoch sollen häusliche Zerwürfnisse stattgefunden haben. Die Familie soll damit unzufrieden gewesen sein, daß Tolstoi ein Angebot seines Verlegers ablehnte, seine Werke für eine Million Rubel herauszugeben. Die Familie hat die Polizei der Stadt Tula gebeten, den Grafen nicht suchen lassen, sondern dies der Familie überlassen. Es besteht die Vermutung, daß die jüngste Tochter den Aufenthalt des Vaters kennt, aber ehrenwörtlich verpflichtet ist, zu schweigen.

Petersburg, 14. Nov. Leo Tolstoi rastet vorläufig im Schamardin-Kloster, wo seine Schwester seit 12. Jahren Nonne ist. Die Reise dorthin war sehr beschwerlich und wurde auf einem Eisenbahnwagen dritter Klasse, der von Bauern und Arbeitern überfüllt war, zurückgelegt. In der Nähe des Klosters, das vor 500 Jahren gegründet ist, liegt das Optina-Männerkloster. Hier war Tolstoi mit seinem Arzt abgestiegen. Tolstoi fragte die Brüder, ob seine Gegenwart nicht unangenehm berühre, da er aus der Kirche ausgestoßen ist. Die Antwort lautete: „Nein, wir freuen uns sehr“. Nachmittags erschien ein junger Mann aus Jasnaja Poljana. Nach kurzer Beratung mit ihm und seiner Schwester erklärte Tolstoi, nur kurze Zeit rasten zu wollen. Tolstoi hatte nur 38 Rubel mit auf die Reise genommen. Die jüngste Tochter des Grafen, Alexandra,66 die um diese wußte, hatte ganz unbemerkt 300 Rubel in ihres Vaters Tasche getan. Sein Arzt hatte nur einige notwendige Medikamente mitgenommen.“

Am Morgen des 13. November brachen L. N. Tolstoi und seine Gefährten von Schamordino auf und fuhren mit dem Zug nach Koselsk. Dieser war bereits am Bahnhof angekommen und fuhr Richtung Osten.

Beim Einsteigen hatten sie keine Zeit, Fahrkarten zu kaufen. In Belew67 angekommen, kauften sie Fahrkarten für den Bahnhof Wolowo,68 wo sie in einen Zug Richtung Süden umsteigen wollten.

Auch Tolstois Begleiter sagten später aus, dass die Reise keinen konkreten Zweck gehabt habe. Nach dem Treffen beschlossen sie, zunächst zu seiner Nichte nach Nowotscherkassk69 zu fahren. Dort wollten sie versuchen, ausländische Pässe zu bekommen, um anschließend nach Bulgarien zu reisen. Sollte dies scheitern, wollten sie in den Kaukasus reisen.

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Tolstois Haus in Jasnaja Poljana
Foto: Nick Philippovich, Juli 2025

„Die Weltflucht des Grafen Tolstoi

Graf Tolstoi, Rußlands größter, lebender Schriftsteller, hat in fluchtartiger reise seine Familie verlassen und sich nach einem Aufenthalt in Schamardinskikloster auf den Weg zu den Duchoborzen72 gemacht, welche ihr Kloster im Kaukasus angelegt haben. Die plötzliche Weltflucht des greisen Grafen, der bekanntlich wegen seiner scharfen Stellungen gegen die Kirche von dieser zum Austritt gezwungen wurde, erregt in allen Kreisen in welchen man ihn aus seinen zahlreichen Schriften kennt, ungeheures und berechtigtes Aufsehen. Wenn auch Tolstoi, der stets Nächstenliebe und Bedürfnislosigkeit vom Menschen verlanget, und seine Lehren dadurch am besten betätigte, daß er, auf seiner Besitzung Jasnaja Poljana unter Bauern lebend, selbst wie ein Bauer hinter dem Pfluge arbeitete u. jeden nach Kräften mit Rat und Tat unterstützte, erregt doch seine nunmehrige Flucht ins Kloster selbst bei seiner Familie Bewunderung.

Aus Petersburg wird unterm 14. ds. Mts. gemeldet: Leo Tolstoi beabsichtigt, sich nach mehrtägiger Rast im Schamardinskikloster nach dem Kaukasus zu den Duchoborzen zu begeben. Dr. Makowezki wird ihn überallhin begleiten. Die Familie Tolstoi, besonders die an Nervenabfällen schwer erkrankte Gräfin, sind bereits beruhigt, nachdem der Aufenthalt Tolstois im Schamardinskikloster bekannt gewesen ist. Tolstois Sohn äußerte zu einem Korrespondenten der „Nowoje Wremja“73, der sich nach Jasnaja Poljana begeben hat, daß sein Vater schon längere Zeit beabsichtigte, das sogenannte „Intelligente Leben“ zu verlassen. Seine Tochter, Alexandra, seine Sekretärin, wußte darum, schwieg aber, damit die Mutter nicht den Vater hinderte, seinen Vorsatz auszuführe. Wahrscheinlich wird die Gräfin sobald sie wieder hergestellt ist, den Vater bestürmen, sie an seinem Einsiedlerleben teilnehmen zu lassen. Sämtlichen übrigen Familienmitglieder ist der Wunsch und Wille Tolstois heilig. Sie beabsichtigen übrigens, demnächst die Ursache des Fortgangs des Grafen detailliert bekannt zu geben.“

Während der Reise fühlte sich L. N. Tolstoi unwohl, seine Erkältung entwickelte sich zu einer kreppartigen Lungenentzündung. Aus diesem Grund mussten seine Begleiter die Reise am selben Tag abbrechen und den kranken Lew Nikolajewitsch am ersten großen Bahnhof in der Nähe einer Siedlung aus dem Zug tragen.

Diese Station war Astapowo (heute Lew Tolstoi im Gebiet Lipezk). Sechs Ärzte versuchten, Lew Nikolajewitsch zu retten, doch er antwortete auf ihre Hilfsangebote nur: „Gott wird alles regeln.“

Lew Nikolajewitsch Tolstoi starb am 20. November 1910 im Alter von 83 Jahren.

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„Tolstoi †
Astapowo, 21. Nov. Tolstoi ist gestern früh gegen 6 Uhr verschieden.

Über die letzten Stunden Tolstois

Wird uns aus Petersburg gemeldet: Am Samstag hatte Tolstoi zwei schwere Anfälle von Herzschwäche, die den tödlichen Ausgang mit Sicherheit voraussehen ließen, zumal die Entzündung des linken Lungenflügels weitere Fortschritte machte. Nachdem Tolstoi die Worte geäußert hatte: „Auf der Erde leiden viele Millionen Menschen,“ wurde die Rede unzusammenhängend. Um 1,55 Uhr nachts trat abermals ein Anfall von Herzschwäche ein. Die Familie versammelte sich am Krankenlager. Um 3,26 Uhr früh erhielt Tolstoi eine Morphiumeinspritzung und schlummerte sodann ein. Um 5 Uhr morgens war die Herztätigkeit sehr schwach, die Lage äußerst gefährlich. Um 5,50 Uhr wurde die Gräfin Tolstoi zu dem Kranken zugelassen, der sie nicht mehr erkannte. Um 6,05 Uhr verschied Graf Tolstoi, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Während des letzte Herzkrampfes mußten die Ärzte Tolstoi mit aller Gewalt im Bett festhalten, weil er aufstehen wollte. Vier starke Männer konnten den schwachen Greis kaum bewältigen. Als man ihm Sauerstoff brachte, weigerte er sich, ihn einzunehmen, mit dem Bemerken, er wolle sterben. Man hat dem Entschlafenen seine gewöhnliche typische Kleidung angelegt.

Astapowo, 21. Nov. Der Zutritt ins Sterbezimmer ist jedermann gestattet. Das Gesicht des Toten ist unverändert. Tolstoi sprach den Wunsch aus, ohne Zeremoniell und ohne Blumen begraben zu werden. Die Überführung der Leiche nach Jasnaja Poljana erfolgt heute nachmittag 3 Uhr. Die Beerdigung findet am Dienstag nachmittag ohne Pomp statt, wie es der Graf bestimmt hat. Graf Tolstoi äußerte den Wunsch, in Jasnaja Poljana auf einem Hügel beerdigt zu werden, wo er in seiner Kindheit spielte. Tolstois Freunde regten den Gedanken an, das Sterbehaus des großen Schriftstellers zu erwerben, um es zu einem Nationalheiligtum zu machen.

Petersburg, 20. Nov. Wie die Petersburger Telegraphenagentur erfährt, ist Graf Tolstoi gestorben, ohne sich mit der Kirche zu versöhnen. Es hängt daher völlig von dem Ermessen der geistlichen Macht ab, ob Seelenmessen für Tolstoi abgehalten werden. – Die Gräfin Tolstoi wohnte dem Morgengottesdienste in der Schulkirche bei. Der Bischof von Kaluga, Perseni,76 war hier eingetroffen, ist aber wieder abgereist. Die Absicht, eine Seelenmesse abzuhalten, ist nicht zur Ausführung gelangt. Die Schulkinder besuchten das Sterbezimmer, das mit Tannen geschmückt ist. Aus den umliegenden Dörfern treffen Bauern ein und wallfahrten zur Bahre. Auch der Gouverneur ist angekommen. Am Montag wird der Bildhauer Guenzburg77 die Totenmaske abnehmen.“

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Petersburg, 21. Nov. Der Heilige Synod hielt gestern drei Sitzungen ab, in denen über die Frage der kirchlichen Beisetzung Tolstois beraten wurde. Es war beabsichtigt, falls Tolstoi bei seiner letzten Anwesenheit im Optimakloster78 dem Prior gegenüber den Wunsch nach Versöhnung mit der Kirche, geäußert haben sollte, die kirchliche Feier zu gestatten. Es ergab sich, daß Tolstoi in dieser Hinsicht keinen Wunsch geäußert hat. Infolgedessen wurde keine Seelenmesse gestattet und die kirchliche Beerdigung verboten. Der Beschluss ruft große Erregung hervor.

Moskau, 21. Nov. Ein hiesiges Blatt meldet: Die Angehörigen der Familie Tolstoi erhielten gestern die Mitteilung, daß der russische Ministerrat auf Antrag Stolypins79 trotz des Widerspruchs des heiligen Synod die kirchliche Exkommunikation aufgehoben hat. Infolgedessen werden die hierher noch nicht erlaubten Trauermessen gestattet werden.

Am nächsten Tag wurde eine kurze Biografie von Tolstoi veröffentlicht:

„Tolstois Lebenslauf

Graf Leo Nikolajewitsch Tolstoi wurde am 9. Sept. 1826 in Gouvernements Tula auf der Besitzung seines Vaters Jasnaja Poljana geboren, und kehrte dorthin auch 1848 nach Beendigung seiner juristischen Studien an der Universität Kasan zurück. Nach drei Jahren trat er dann, von Interesse am bunten militärischen Leben erfaßt, als Junker in die 20. Artilleriebrigade und machte im Heere des Fürsten Gatschakow80 den Türkenkrieg und vor allem den berühmten Sturm auf Sebastopol mit. Die reichen Eindrücke dieser Jahre verarbeitete er, nachdem schon eine Reihe bedeutsamer Novellen, wie „Kindheit“, „Der Morgen des Gutsbesitzers“ und „Die Kosaken“ ihn in die Literatur eingeführt hatte, in packenden Schilderungen und spannenden Erzählungen wie „Aufzeichnungen eines Marquers“, „Zwei Husaren“, „Schneesturm“ und vor allem in der groß angelegten Trilogie „Sebastopol“ im Dezember 1854, im Mai 1855, im August 1855“. Den Abschluß bildet der vierbändige Roman „Krieg und Frieden“. Er wurde in der Einsamkeit von Jasnaja Poljana vollendet, da Tolstoi bereits 1856 seinen Abschied genommen und nach mehrjährigem Aufenthalt in Moskau und Petersburg 1861 wieder auf sein väterliches Gut übergesiedelt war, wo er 1862 Sophie Behr, die Tochter eines Moskauer Arztes81 heiratete. Seine Hauptbeschäftigung war jetzt die Volkserziehung. Er errichtete dafür eine Volksschule nach eigenem Plan und schrieb auch ein paar Lehrbücher und Artikel, von denen sein „Lesebuch“ bereits 30 Auflagen erlebt hat. Erst sein zweites Hauptwerk, die 1877 erschienene „Anna Karenina“, lenkte ihn zeitweilig von dieser Beschäftigung ab. Nach seiner Vollendung wandte er sich jedoch immer mehr theologischen Studien zu, deren Früchte er seit 1881 in Schriften wie „Vereinigung und Übersetzung der vier Evangelien“, „Worin besteht mein Glaube?“ und „Was wollen wir also tun?“ niederlegte. Der Dichtung wandte er sich erst wieder in dem Drama „Die Macht der Finsternis“, der berühmten „Kreutzersonate“ und dem Roman „Auferstehung“ zu. Von sonstigen neuen Schriften sind vor allem die kulturfeinliche Broschüre „Was ist die Kunst?“, das Mahnwort „Besinnt Euch!“ zum russisch-japanischen Kriege und die mutvolle „Bedeutung der russischen Revolution“ zu nennen. Durch die Macht seines Ansehens geschützt, lebt der Greis so seit mehr als 40 Jahren auf dem Gute seiner Väter. Noch in den letzten Tagen hat er die Welt durch seine Flucht in die Einsamkeit überrascht, die ihn freilich nicht weit führte, nur bis zu der kleinen Eisenbahnstation Astapowo, wo er, fieberkrank, die Reise unterbrechen mußte, und wo er nun sein Leben ausgehaucht hat. Seine Werke sind in alle Kultursprache, auch ins Chinesische übersetzt. Gesamtausgaben erschienen 1889 bis 1900 in Moskau und (seit 1901) mit den in Rußland verbotenen Schriften Christchurch in England.“

Einige Tage später erhielt die Redaktion ein Foto von Tolstoi auf seinem Sterbebett, das zur Veröffentlichung bestimmt war:

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„Graf Tolstoi auf dem Totenbett

Rußlands größter Dichter und Philosoph, der greise Graf Tolstoi ist nun unter der Beteiligung Unzähliger zur letzten Ruhe bestattet worden. Das Sterbezimmer in Astapowo war bis zum letzten Augenblick, an dem Tolstois Leichnam eingesargt wurde, von Bauern und Studenten überfüllt. Tolstois Gesicht hatte sich nach seinem Tode nur wenig verändert; ein mildes Lächeln schien die erstarrten Züge des toten Kämpfers für seine Ideen und Volksrechte zu umspielen.“

Tolstoi entwickelte eine einzigartige Philosophie der Gewaltlosigkeit, die auf einem rationalistischen Verständnis des Christentums basierte. Sie prägte auch die Denkweise deutscher Politiker.

 Am 28. November 1910 veröffentlichte das „Dortmunder Tageblatt“ eine polemische Stellungnahme des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Georg Ledebour (* 1850; †1947) zur „Königsberger Kaiserrede vor dem Reichstag“:

„… Der Kaiser sagt, der Friede beruht auf unserer Rüstung. Ach nein! Der Friede beruht nicht auf den Waffen, sondern darauf, daß die Völker sich dem Gedanken des Friedens mehr und mehr zuwenden und die Gräuel des Krieges verabscheuen. Tolstoi hat den Krieg in seiner Jugend kennengelernt, nicht bloß auf dem Tempelhofer Felde oder bei Kaiserparaden. Es ist aber wohl kaum jemand ein größter Feind des Krieges gewesen als Tolstoi.“84

Das aufgeklärte Deutschland las Tolstoi mit angehaltenem Atem:

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Tolstois letzte Ruhestätte
Foto: Nick Philippovich, Juli 2025

Erläuterungen und Quellen:

  1. Die Zeitschrift „Der Türmer“ wurde vom Schriftsteller Jeannot Emil Freiherr von Grotthuß (* 1865; † 1920) gegründet und erschien von 1898 bis 1943.
  2. Sieh z. B.: Holthof, Ludwig: Meisterwerke deutscher Klassiker / Lessings Werke. Verlag von Peter J. Oestergaard, Berlin, ca. 1900.
  3. Schwerter Zeitung, Nr. 244 vom 16. Oktober 1912, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/45518. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  4. Schwerter Zeitung, Nr. 244 vom 16. Oktober 1912, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/45519. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  5. Das Landgut Jasnaja Poljana („Helle Lichtung“) war der Geburts- und Wohnort von Leo Tolstoi. Er ist dort auch beerdigt. Es liegt etwa 220 Kilometer südlich von Moskau und 12 Kilometer südwestlich von Tula. Heute ist es ein Museum.
  6. Sofja (eigentlich Sophia) Andrejewna Tolstaja (née Behrs; * 1844; † 1919) war die Ehefrau von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi.
  7. Iwan Sergejewitsch Turgenew (* 1818; † 1883) war ein bedeutender Schriftsteller, der sich mit den Problemen der russischen Gesellschaft auseinandersetzte. Ab 1855 lebte er mit nur kurzen Unterbrechungen im Ausland, vor allem in Deutschland und Frankreich. Er starb am 3. September 1883 in seinem Haus in Bougival bei Paris.
  8. Michail Jurjewitsch Lermontow (* 1814; † 1841) wird als einer der bedeutendsten Vertreter der russischen Romantik betrachtet. Er verfasste das Gedicht „Der Tod des Dichters“, das dem Tod von Alexander Puschkin gewidmet ist, der am 10. Februar 1837 an den Folgen eines Duells mit einem französischen Offizier im russischen Dienst, Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès, gestorben war. Lermontow übte scharfe Kritik an der Hofgesellschaft und machte sie für den Tod des berühmten, aber politisch unbequemen Dichters verantwortlich. Ein Duell mit dem Franzosen Ernest de Barante führte zu Lermontows Versetzung in den Kaukasus. Im Juli 1841 kam er bei einem Duell mit dem Major Nikolai Martynow durch einen Herzschuss ums Leben.
  9. Pjotr Jakowlewitsch Tschaadajew * 1794; † 1856) bezeichnete sich selbst als “christlicher Philosoph” und Publizist. Im Jahr 1831 vollendete er sein Hauptwerk „Philosophische Briefe“. Die Veröffentlichung in der Zeitschrift „Teleskop“ im Jahr 1836 führte bei den Behörden zu erheblicher Besorgnis, da das Schriftstück bittere Kritik an der Isolation Russlands von der „globalen Bildung der Menschheit“ und der „geistigen Stagnation, die die Erfüllung der von oben vorherbestimmten historischen Mission verhindert“, zum Ausdruck brachte. Die Zeitschrift wurde geschlossen, der Herausgeber Nikolai Iwanowitsch Nadezhdin (* 1804; † 1856) verbannt und Tschaadajew für verrückt erklärt. Der Fall von Tschaadajews Wahnsinnserklärung gilt als eines der ersten Beispiele für „Strafpsychiatrie“ in Russland.
  10. Iwan Dmitrijewitsch Jakuschkin (1794–1857) war ein russischer Offizier, Revolutionär und Pädagoge. Er war Mitglied des Bundes der Dekabristen, einer geheimen Organisation, der vor allem Offiziere der russischen Armee angehörten. Am 26. Dezember 1825 verweigerten die Dekabristen den Eid auf den neuen Kaiser Nikolaus I. (* 1796; † 1855). Damit bekundeten sie ihren Protest gegen das autokratische Zarenregime, die Leibeigenschaft, die Polizeiwillkür und die Zensur. Jakuschkin wurde am 9. Januar 1826 in Moskau verhaftet und am 14. Januar in der Peter-und-Paul-Festung eingekerkert. Am 10. Juli 1826 wurde er zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
  11. Fürst Alexander Sergejewitsch Menschikow (* 1787; † 1869) war ein russischer General, Admiral und Staatsmann. Ende Februar 1853 wurde er von Imperator Nikolaus I. nach Konstantinopel entsandt. Er überbrachte eine Reihe von Forderungen an das Osmanische Reich, darunter einige unerfüllbare. Durch sein Auftreten provozierte Menschikow den Abbruch der Verhandlungen. Dadurch hatte Russland den Vorwand für die Auslösung des Krimkriegs (1853–1856).
  12. Vor dem Dekret über religiöse Toleranz im Jahr 1905 wurden religiöse Bewegungen und Organisationen, welche die von 1653 bis 1660 vom Moskauer Patriarchen Nikon (* 1605; † 1681) und Zar Alexei Michailowitsch (* 1629; † 1676) durchgeführte Kirchenreform ablehnten, als Raskolniki (Ketzer) bezeichnet. Ziel dieser Reform war es, den Gottesdienst der russischen Kirche an den der griechischen Kirche anzugleichen.
  13. Der Panslawismus ist eine Ideologie und nationale Bewegung, die in den von slawischen Völkern bewohnten Staaten und Ländern entstand. Er basierte auf der Idee einer slawischen nationalen politischen Vereinigung auf der Grundlage ethnischer, kultureller und sprachlicher Gemeinsamkeiten. Der Panslawismus entstand unter den slawischen Völkern gegen Ende des 18. Jahrhunderts – in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
  14. Die 1756 von der Moskauer Lomonossow-Universität gegründete “Moskowskije Wedomosti” (deutsch: “Moskauer Nachrichten”) war die erste nichtstaatliche Zeitung im Russischen Imperium. Sie erschien von 1756 bis 1917.
  15. Dortmunder Tageblatt, Nr. 196 vom 22. August 1900, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21546608. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  16. Ebenda.
  17. Henry George (* 1839; † 1897) war ein amerikanischer Ökonom, Publizist und Politiker. Er vertrat die Ansicht, dass jeder das von ihm geschaffene Produkt besitzt, alle natürlichen Ressourcen und vor allem Land jedoch der gesamten Menschheit gleichermaßen gehören. Er schlug vor, alle Steuern durch eine einzige Landnutzungssteuer zu ersetzen.
  18. Herbert Spencer (* 1820; † 1903) war ein englischer Philosoph und Soziologe sowie einer der Begründer des Evolutionismus. Seine Ideen erfreuten sich Ende des 19. Jahrhunderts großer Popularität.
  19. Kennan, George: Aus Sibirien und Russland / Neue Beiträge zur Kenntnis des Gefängnis- und Verbannungswesens. Ferd. v. Kleinmayr, Klagenfurt 1892.
  20. Paulus von Tarsus (* vor 10; † nach 60) war der bedeutendste Missionar des Christentums und einer der ersten christlichen Theologen. Er trug entscheidend dazu bei, den neuen Glauben auch für Nichtjuden zu öffnen. Einige Gelehrte sehen in ihm den eigentlichen Gründer des Christentums.
  21. Dortmunder Tageblatt, Nr. 117 vom 21. Mai 1901, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21547956. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  22. Konstantin Petrowitsch Pobedonoszew (* 1827; † 1907) war ein russischer Jurist und Staatsmann. Er war Oberprokurator des Heiligsten Synods, ein Vertrauter von Kaiser Alexander III. und einer der Hauptideologen der konservativen Reformen der 1880er–1890er Jahre.
  23. Wissarion Grigorjewitsch Belinski (*1811; † 1848) war ein russischer Literaturkritiker, Publizist, Linguist und Philosoph. Die Haltung der Behörden und der regierungstreuen Intelligenz gegenüber Belinski war negativ. Dadurch wurde er zum Symbol und Banner der liberalen Intelligenz. Er war Lehrer und Anführer der jungen Schriftstellergeneration der 1840er Jahre. Als Literaturkritiker vertrat und begründete Belinski die Theorie des Realismus.
  24. Alexander Sergejewitsch Puschkin (* 1799; † 1837) gilt als russischer Nationaldichter und Begründer der modernen russischen Literatur.
  25. Nikolai Wassiljewitsch Gogol (* 1809; † 1852) war ein russischer Schriftsteller, Dramatiker und Publizist ukrainischer Herkunft sowie ein Ethnograph und Sammler ukrainischer Folklore.
  26. Johannes von Kronstadt (* 1829; † 1909) war Erzpriester der Russisch-Orthodoxen Kirche, langjähriger Antistes der St.-Andreas-Kathedrale in Kronstadt, Mitglied des Heiligsten Synods sowie Inspirator und Ehrenmitglied der monarchistischen „Union des russischen Volkes“. Er wurde von orthodoxen Gläubigen in Russland, insbesondere von einfachen Menschen, zutiefst verehrt.
  27. Die „Novosti Dnya“ war eine täglich erscheinende, gesellschaftspolitische und literarische Zeitung, die von 1883 bis 1906 in Moskau publiziert wurde. Ihr Herausgeber war Abram Lipskerow (* 1851; † 1910).
  28. Dortmunder Tageblatt, Nr. 182 vom 5. August 1905, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/23430270. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  29. Dortmunder Tageblatt, Nr. 226 vom 26. September 1903, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/ 21552787. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  30. Im Jahr 1903 gab es mehrere „Volkszeitungen“ in Deutschland. Möglicherweise wird an dieser Stelle die „Kölnische Volkszeitung“ erwähnt, die von 1868 bis 1941 erschien.
  31. Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ist eine Figur aus Nikolai Wassiljewitsch Gogols Roman „Tote Seelen”. Er ist ein pensionierter Beamter. Tschitschikow wird oft als die menschliche Verkörperung des Teufels bezeichnet, als Personifizierung des vulgären Bösen, das sich unter Menschen versteckt und „im Frack geht”.
  32. Großfürst Sergei Alexandrowitsch (* 1857; † 1905) war der fünfte Sohn von Imperator Alexander II. und Generalgouverneur von Moskau. Er wurde durch eine Bombe des Terroristen Iwan Kaljajew getötet. Sergei Alexandrowitsch war der Ehemann von Großfürstin Elisabeth Fjodorowna (geb. Elisabeth Alexandra Luise Alice von Hessen-Darmstadt und bei Rhein; * 1864; † 1918), die am 18. Juli 1918 von den Bolschewiki (Linksextremisten) brutal ermordet wurde.
  33. Wjatscheslaw Konstantinowitsch von Plehwe (* 1846; † 1904) war Minister des Innern im Russischen Imperium. Er wurde Opfer eines Bombenanschlags, der vom Terroristen Jegor Sozonow verübt wurde.
  34. Fjodor Michailowitsch Dostojewski (* 1821; † 1881) war ein weltberühmter russischer Schriftsteller. Die Werke des Schriftstellers trugen maßgeblich zur Entstehung des Genres der psychologischen Prosa bei. Aufgrund seiner Beteiligung am Kreis der Freidenker (Petraschewski-Zirkel) wurde er zum Tode verurteilt. Die Zeitgenossen waren beeindruckt von den Vorbereitungen für eine öffentliche Hinrichtung, denen die Verurteilten unterzogen wurden, ohne zu wissen, dass sie bereits begnadigt worden waren. Dostojewski verbüßte anschließend eine vierjährige Zwangsarbeit in Sibirien.
  35. Dortmunder Tageblatt, Nr. 226 vom 26. September 1903, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/ 21553013. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  36. Altonauer Nachrichten, Nr. 299 vom 29. Juni 1904. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  37. Der Ausdruck “Europäisches Konzert der Großmächte” verweist auf das mehrpolige System internationaler Beziehungen, das vom Ende des 18. Jahrhunderts an und insbesondere im 19. Jahrhundert das politische Gleichgewicht in Europa bestimmte. Zu den Großmächten zählten Frankreich, Österreich, Großbritannien, Russland und Preußen.
  38. Johann von Bloch (*1836; † 1902) war ein wichtiger Bankier und Industrieller, Eisenbahnpionier in Polen und Russland und wurde als der “Eisenbahnkönig” bekannt. Bloch schrieb die Studie „Die Zukunft des Krieges in technischer, wirtschaftlicher und politischer Relation“. 1899 nahm Bloch aktiv an der Organisation der Haager Friedenskonferenz teil. 1901 wurde er für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
  39. Nikolaus II. (* 1868; † ermordet am 17. Juli 1918) aus dem Herrschergeschlecht Romanow-Holstein-Gottorp war der letzte Imperator des Russischen Imperiums.
  40. Alexei Kuropatkin ((* 1848; † 1925) war ein hoher russischer General und Kriegsminister. In seiner Amtszeit eskalierten die Spannungen mit Japan. Sie führten zum Russisch-Japanischen Krieg 1904/05. Im Oktober 1904 wurde er zum Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte im Fernen Osten ernannt. Nach dem Krieg gab er auch dieses Kommando ab und zog sich ins Privatleben zurück. Er soll durch seine Strategie den Krieg verloren haben.
  41. Die Schlacht am Yalu war die erste große Landschlacht im Russisch-Japanischen Krieg und wurde vom 30. April bis zum 1. Mai 1904 zwischen dem Kaiserlich Japanischen Heer und dem Kaiserlich Russischen Heer ausgetragen. Sie fand am Yalu-Fluss, an der Grenze von Korea und China, statt und endete mit einem japanischen Sieg.
  42. Der Slowake Dušan Makovický (* 1866; † 1921) war der Familienarzt der Tolstois. Er behandelte auch die Bauern von Jasnaja Poljana. Vom 18. Dezember 1904 bis zum 28. November 1910 führte er detaillierte Aufzeichnungen über alles, was er in Jasnaja Poljana sah und hörte. Diese Aufzeichnungen wurden später unter dem Titel „Notizen aus Jasnaja Poljana” (https://tolstoy-lit.ru/tolstoy/bio/makovickij-yasnopolyanskie-zapiski/1905-noyabr.htm) veröffentlicht.
  43. Lew Nikolajewitsch Tolstoi.
  44. Graf Andrei Lwowitsch Tolstoi (* 1877; † 1916) war ein russischer Staatsmann und nahm am Russisch-Japanischen Krieg teil. Er war der Sohn von Lew Nikolaewitsch und Sofia Andreewna Tolstoi.
  45. Alexandra Lwowna Tolstaja (* 1884; † 1979) war die jüngste Tochter und Sekretärin von Leo Tolstoi und hat Memoiren über ihren Vater verfasst. Sie hat das Museum in Jasnaja Poljana gegründet und war seine erste Direktorin sowie der Tolstoi-Stiftung.
  46. Anna Nikolajewna Sweginzewa (* 1870: † 1950) war eine Gutsbesitzerin im Krapiwinskij Ujesd des Gouvernements Tula. Sie war eine Bekannte und Nachbarin der Tolstois. Sie lebte in der Nähe von Jasnaja Poljana auf dem Gut Kriwzowo.
  47. Dortmunder Tageblatt, Nr. 283 vom 2. Dezember 1905, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/23431068. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  48. Korolenko, V. G.: Zemli! Zemli! Sovetskiy pisatel’, Moskva 1991; ISBN 526502171X.; auch: https://ru.wikisource.org/wiki/ Zemli! Zemli! (Korolenko), XIV. Kapitel.
  49. Adolph Wagner (* 1835; † 1917) war ein Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler. Er formulierte das nach ihm benannte Gesetz, dass die Staatsausgaben schneller wachsen als das Bruttonationaleinkommen (Wagnersches Gesetz).
  50. Dortmunder Tageblatt, Nr. 179 vom 3. August 1906, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21553573. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  51. Chișinău (deutsch auch Chisinau, Kischinau, veraltet Kischenau, Kischinew, Kischinev, jiddisch Keschenew, russisch Kischinjow) ist die Hauptstadt der Republik Moldau.
  52. Dortmunder Tageblatt, Nr. 241 vom 14. Oktober 1907, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21556258. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  53. Dortmunder Tageblatt, Nr. 241 vom 14. Oktober 1907, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21556259. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  54. Die „Tulskie Gubernskie Vedomosti” (Gouvernement Tula Anzeiger) wurden erstmals im Jahr 1838 veröffentlicht, zunächst wöchentlich und ab 1870 dann zweimal wöchentlich. Nach der Februarrevolution, die die Zarenherrschaft in Russland beendete, wurde die Veröffentlichung der Zeitung am 12. April 1917 eingestellt. Bis zu ihrer Schließung fungierte sie als offizielles Regierungsorgan.
  55. Dortmunder Tageblatt, Nr. 69 vom 21. März 1908, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21557315. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  56. Dortmunder Tageblatt, Nr. 69 vom 21. März 1908, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21557316. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  57. Dortmunder Tageblatt, Nr. 202 vom 28. August 1908, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21558347. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  58. Dortmunder Tageblatt, Nr. 202 vom 28. August 1908, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21558349. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  59. Die Optina Pustyn (Einsiedelei) ist ein russisch-orthodoxes Kloster bei der Stadt Koselsk in der Oblast Kaluga. Es liegt am östlichen Ufer der Schisdra.
  60. Die Kasaner Amwrosiewskaja Pustyn (Einsiedelei; inoffizieller Name: Schamordino-Kloster) ist ein Frauenkloster der russisch-orthodoxen Kirche und liegt in der Nähe des Dorfes Schamordino in der Region Kaluga, 12 km nördlich der Optina Pustyn.
  61. Gräfin Maria Nikolajewna Tolstaja (* 1830; † 1912) war die einzige Schwester von Lew Nikolajewitsch Tolstoi. Sie war Schema-Nonne der Kasaner Amwrosiewskaja Pustyn (Einsiedelei).
  62. Sieh Erläuterung 45.
  63. Schamordino ist ein Dorf im Bezirk Kozelsk der Region Kaluga. Das Dorf liegt 15 km nordöstlich der Stadt Kozelsk. In der Nähe des Dorfes befindet sich die Kasaner Amwrosiewskaja Pustyn (Einsiedelei; inoffizieller Name: Schamordino-Kloster).
  64. Dortmunder Tageblatt, Nr. 267 vom 14. November 1910, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21563937. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  65. Dortmunder Tageblatt, Nr. 267 vom 14. November 1910, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21563939. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  66. Sieh Erläuterung 45.
  67. Beljow ist eine Stadt in der Region Tula. Sie liegt am linken Ufer des Flusses Oka, 114 Kilometer südwestlich von Tula. Bis zum 1. Januar 2016 gab es eine Personenzugverbindung nach Kozelsk, das 40 km entfernt ist.
  68. Wolowo ist eine Siedlung städtischen Typs in der Oblast Tula in Russland. Der Ort entwickelte sich insbesondere nach dem Bau der Eisenbahnstrecke Moskau–Jelez in den 1870er-Jahren und der Erweiterung zum Bahnknotenpunkt mit der Fertigstellung der dort kreuzenden Strecke Ranenburg–Smolensk im Jahr 1899.
  69. Nowotscherkassk ist eine Stadt im Süden Russlands, die sich etwa 1.000 Kilometer südlich von Moskau befindet. Durch Nowotscherkassk verläuft die Eisenbahnstrecke Moskau–Rostow am Don–Sotschi.
  70. Dortmunder Tageblatt, Nr. 268 vom 15. November 1910, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21563945. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  71. Dortmunder Tageblatt, Nr. 268 vom 15. November 1910, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/ 21563950. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  72. Die Duchoborzen (auch Duchoboren, „Geisteskämpfer“) sind eine christliche Religionsgemeinschaft, die sich von der russisch-orthodoxen Kirche abgrenzt. Da sie nicht an die Gottessohnschaft Jesu glauben, sind sie Antitrinitarier. Sie lehnen jedwede weltliche und kirchliche Obrigkeit ab. Die Duchoborzen sind strenge Pazifisten und verweigern sowohl den Kriegsdienst als auch den Eid.
  73. Die Nowoje wremja („Die Neue Zeit“) war eine politische und literarische Tageszeitung, die von 1868 bis zum 8. November 1917 in Sankt Petersburg erschien. Das Blatt galt zunächst als liberal, später dann als zunehmend konservativ, insbesondere nach der Revolution von 1905.
  74. Dortmunder Tageblatt, Nr. 272 vom 21. November 1910, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21563979. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  75. Dortmunder Tageblatt, Nr. 272 vom 21. November 1910, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21563984. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  76. Schema-Archimandrit Barsanuphius (* 1845; † 1913) kam zum sterbenden Tolstoi auf den Bahnhof Astapowo, um ihm vor seinem Tod Ratschläge zu erteilen und ihm in den letzten Minuten seines Lebens die Möglichkeit zu geben, sich mit der Kirche zu versöhnen. Doch dem Priester war es nicht gestattet, den Schriftsteller zu sehen.
  77. Ilja Jakowlewitsch Ginzburg (* 1859; † 1939) war ein russischer Bildhauer.
  78. Sieh Erläuterung 59.
  79. Pjotr Arkadjewitsch Stolypin (* 1862; † 1911) setzte als Premierminister von 1906 bis 1911 tiefgreifende Reformen im Russischen Imperium durch.
  80. Michail Dmitrijewitsch Gortschakow (* 1792; † 1861) war ein Feldmarschall der russischen Armee und Oberbefehlshaber im Krimkrieg.
  81. Der Vater von Sofja Andrejewna Tolstaja (Sieh Erläuterung 6) war Hofarzt des Imperators und hatte seinen Dienstsitz im Moskauer Kreml.
  82. Dortmunder Tageblatt, Nr. 277 vom 26. November 1910, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21564023. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  83. Dortmunder Tageblatt, Nr. 277 vom 26. November 1910, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21564024. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  84. Dortmunder Tageblatt, Nr. 278 vom 28. November 1910, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21564029. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  85. Schwerter Zeitung, Nr. 248 vom 21. Oktober 1912, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/45550. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.
  86. Schwerter Zeitung, Nr. 248 vom 21. Oktober 1912, online abrufbar unter: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/45556. Das Original befindet sich im Institut für Zeitungsforschung.

Dr. Walther Friesen
Ausbildungs- und Forschungszentrum ETHNOS e.V.
Training and Research Center ETHNOS,registered Association

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