Saga of the Lorenz-Regnier-Wolf Family
Saga of the Lorenz-Regnier-Wolf Family

Saga of the Lorenz-Regnier-Wolf Family

In the 19th century, Dmitri Wolf ‘s great-grandfather, Jakob Lorenz, lived with his great-grandmother Maria in the Saratov Governorate on the Volga River. They cultivated the land, sowed and harvested wheat and oats, raised livestock, and lived off the fruits of the earth. Crop failures were not uncommon on the Volga and so they were forced to leave their homeland to settle down in the village of Tobolino1(40 km from Tashkent) in southern Kazakhstan.

In 1897, the family’s eldest daughter, Lowe, alias Luisa, was born. She was followed by Maria and Eva. Their father was the only male in the family, and the girls were engaged in hard farming work at a very early age. Grandfather hired temporary workers only during harvest time to ensure the harvest was brought in on time. The helpers were treated like family members, and the communal table was set for lunch. Grandfather established a good relationship with one of the workers, Henri Regnier. The eldest daughter, Lowes-Luisa, married this young man, and Maria accepted Konrad Wolf’s marriage proposal.

Lowes gave birth to four children: Katharina (1922), Jakob (1925), Andreas (1927) and Anna (1929). Maria, with the married surname Wolf, gave birth to two sons: Andreas (1925) and Jakob (1929).

In 1929, forced collectivization2 shook the country. Prosperous peasants in Central Asia were expropriated, and the blows of fate also struck hard-working German farmers. The “Workers’ and Peasants’ Party”3 broke into the house of Dmitri Wolf’s grandfather and confiscated five cows, three horses, and all the small livestock. The livestock were driven to collective farms. The Soviet regime plundered the granaries and plunged the people into starvation. Millions of starving peasants were condemned to certain death. The youngest sister, Eva, succumbed to the deprivation and perished in agony.

False accusations were made against the grandfather, a wealthy farmer, and he was arrested. But his son-in-law, Regnier, the husband of Lowe, took the blame out of gratitude and two years later found his end in prison.

His wife, Lowes-Luisa, moved to Tashkent with their infant daughter, Anna, and three other children. His sister, Maria, took the injustice and the blows of fate deeply to heart and died in 1933, leaving behind her widowed husband, Konrad Wolf, and two sons.

The dying Maria implored her husband Konrad to marry her eldest sister, Lowes-Luisa, after her death, so that the children would remain in the family. This was her final wish. Konrad took the vow and married Lowes-Luisa in 1936. Thus, the family of six children was formed, with Amalia, Dmitri Wolf’s mother, being born on July 23, 1937.

But there was only a brief, relatively peaceful respite for the family and their carefree childhood. With the outbreak of World War II, Grandfather Konrad was arrested as a German and disappeared. His wife and seven children were left without a breadwinner. Nevertheless, the worst was yet to come.

In January 1942,4 Tashkent’s main train station shook with the groans of thousands of deported Germans, all of whom were banished to remote regions of the USSR as “enemies of the people.” Family ties were torn apart.

Dmitri Wolf’s mother’s family was deported to a remote kishlak5 in the Samarkand region, where there was no electricity. Brothers Regnier and Andreas Wolf (born in 1925) were deported to Siberia (Kemerovo region), where they were forced to do slave labour underground.

Jacob Regnier managed to escape and returned to Samarkand.

The family endured terrible hardship. In 1945, their grandmother, Lowes-Luisa, died painfully from malaria.

Out of necessity, the older sisters placed Dmitri Wolf’s mother in an orphanage because the family no longer had anything to eat and the girl was very weak. This saved her life. In the orphanage, Amalia endured humiliation. The “educator” chastised her for the slightest offense and called her a fascist.

The older siblings took their youngest sister’s fate to heart and, as soon as possible, took the girl back from the orphanage to the family. They were deeply worried about her future. To spare her the fate of outcasts in the Soviet Union, they changed her surname, her year of birth and her German ethnicity.

In 1991, after the fall of the Soviet regime, Dmitri Wolf’s mother restored her German nationality due to the court ruling.

Dmitri Wolf is convinced that time has no power over human suffering and it is unable to erase the bitter humiliation from the heart.

Saga der Familie Lorenz – Regnier – Wolf

Im 19. Jahrhundert lebte mein Urgroßvater Jakob Lorenz mit meiner Urgroßmutter Maria im Saratow Gouvernement an der Wolga. Sie bestellten das Land, säten und ernteten Weizen, Hafer, züchteten Vieh und ernährten sich von den Früchten der Erde. Missernten waren keine Seltenheit an der Wolga und so wurden sie gezwungen, die Heimat zu verlassen, um sich im Südkasachstan in Ansiedlung Tobolino6 niederzulassen.

1897 kam in der Familie die älteste Tochter Lowes alias Luisa auf die Welt. Ihr folgten Maria und Eva. Ihr Vater war der einzige Mann in der Familie und die Mädchen sind sehr früh der schweren Bauern Arbeit nachgegangen. Nur für die Erntezeit heuerte der Großvater die Zeitarbeiter an, um die Erträge rechtszeitig zu bringen. Die Helfer wurden wie die Familienmitglieder behandelt und der gemeinsame Tisch für das Mittagsessen wurde gedeckt.

Schwester Lorenz
Schwester Lorenz, um 1917
v. l.: Maria, Lowes-Luisa, Eva
Schwester Lorenz
Schwester Lorenz, um 1920
v. l.: Maria und Eva
Katharina Regnier
Katharina Regnier, 1922
Eva Lorenz, Urgroßmutter Maria, Maria Wolf (geb. Lorenz), Urgroßvater Jakob Lorenz,
Henri Regnier, Lowes-Luisa Regnier (geb. Lorenz) mit der Säuglingstochter Katharina
Familienfoto aus dem Jahre 1923
v. l: Eva Lorenz, Urgroßmutter Maria, Maria Wolf (geb. Lorenz), Urgroßvater Jakob Lorenz,
Henri Regnier, Lowes-Luisa Regnier (geb. Lorenz) mit der Säuglingstochter Katharina
Emilia Miller, die Frau von Jakob Regnier; Jakob Regnier mit seiner Tochter Valentina; Jakob Wolf;
meine Mutter Amalia
Foto aus dem Jahre 1948
v. l.: Emilia Miller, die Frau von Jakob Regnier;
Jakob Regnier mit seiner Tochter Valentina (geb. 1947); Jakob Wolf;
meine Mutter Amalia, kurz entlassen aus dem Waisenheim.
Gebrüder Wolf: Andreas und Jakob
Foto aus dem Jahre 1956
Gebrüder Wolf: Andreas und Jakob

Mit einem der Arbeiter namens Henri Regnier baute der Großvater gute Beziehungen auf. Diesen jungen Mann heiratete die älteste Tochter Lowes-Luisa und Maria nahm den Heiratsantrag von Konrad Wolf an.

Lowes gebar vier Kinder: Katharina (1922), Jakob (1925), Andreas (1927) und Anna (1929).

Maria mit dem eingeheirateten Familiennamen Wolf brachte zur Welt 2 Söhne: Andreas (1925) und Jakob (1929).

1929 erschütterte die Zwangskollektivierung7 das Land. Die wohlhabenden Bauern wurden in Zentralasien enteignet und die Schicksalsschläge trafen auch die tüchtigen deutschen Landwirte. „Die Arbeiter- und Bauernpartei“8 brach ins Haus meines Großvaters ein, enteignete fünf Kühe, drei Pferde samt dem ganzen Kleinviehbestand. Die Nutztiere wurden in den Kollektivwirtschaften getrieben. Die Sowjetmacht plünderte die Getreidespeicher und stürzte die Menschen in Hungersnot. Millionen von verhungerten Bauern wurden dem sicheren Tod geweiht. Die jüngste Schwester Eva unterlag den Entbehrungen und ging qualvoll zu Grunde.

Falsche Anschuldigungen wurden gegen den Großvater als wohlhabenden Bauer erhoben und er wurde verhaftet. Aber sein Schwiegersohn Regnier, der Mann der ältesten Tochter Lowes, der Dankbarkeit wegen, nahm die Schuld auf sich und zwei Jahre später fand sein Ende im Gefängnis.

Seine Frau Lowes-Luisa mit dem Säuglingsmädchen Anna und noch drei Kindern zog nach Taschkent um. Die Schwester Maria hat sich die Ungerechtigkeit und die Schicksalsschläge schwer zu Herzen genommen, verstarb 1933 und hinterließ ihren verwitweten Mann Konrad Wolf mit zwei Söhnen.

Die sterbende Maria beschwor ihren Mann Konrad, nach ihrem Tode ihre älteste Schwester Lowes-Luisa zu heiraten, so dass die Kinder in der Familie blieben. Das war ihr letzter Wunsch. Konrad legte den Schwur ab und 1936 heiratete er Lowes-Luisa. So bildete sich die Familie mit sechs Kindern, wo am 23. Juli 1937 meine Mutter Amalia das Licht der Welt erblickte.

Aber es gab nur eine kurze verhältnismäßig ruhige Friedenspause für die Familie und die sorglose Kindheit meiner Mutter. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde mein Großvater Konrad als Deutscher verhaftet und ging verschollen unter. Seine Frau und sieben Kinder blieben ohne Ernährer zurück. Dennoch das Schlimmste stand noch bevor.

Im Januar auf 19429 erschütterte den Hauptbahnhof Taschkent das Stöhnen von Tausenden deportierten Deutschen, die alle pauschal als „Volksfeinde“ nach entlegenen Regionen der UdSSR verbannt wurden. Die Verwandtschaftskreise wurden zerrissen.

Die Familie meiner Mutter schaffte man nach einem abgelegenen Kischlak10 im Gebiet Samarkand fort, wo es keinen Strom gab. Gebrüder Regnier und Andreas Wolf (Jahrgang 1925) wurden nach Sibirien (Gebiet Kemerowo) deportiert, wo sie zur Sklavenarbeit unter Tage gezwungen wurden. 

Jakob Regnier gelang die Flucht und er kehrte nach Samarkand zurück.

Die Familie meiner Mutter erlebte die erbärmliche Not. 1945 verstarb qualvoll die an Malaria schwer erkrankte meine Großmutter Lowes-Luisa.

Notgedrungen unterbrachten die älteren Schwestern meine Mutter bei einem Waisenhaus, weil es in der Familie nichts mehr zu essen gab und meine Mutter sehr schwach war. Das hat ihr das Leben gerettet. Im Waisenhaus musste meine Mutter die Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Der „Erzieher“ züchtigte sie für das kleinste Vergehen und beschimpfte sie als Faschistin.

Die älteren Geschwister nahmen sich zu Herzen das Los ihrer Kleinsten und als es möglich war, nahmen sie meine Mutter aus dem Waisenhaus in die Familie zurück. Sie machten sich große Sorgen über ihr zukünftiges Leben. Um meiner Mutter das Schicksal der Ausgestoßenen in der Sowjetunion zu ersparen, änderten sie ihren Nachnamen, ihr Geburtsjahr und ihre deutsche Volkszugehörigkeit.

1991 nach dem Niedergang des Sowjetischen Regimes stellte meine Mutter ihre deutsche Nationalität aufgrund des Gerichtsurteils wieder her. Zeit hat keine Gewalt über das Menschenleid; sie ist nicht imstande, die bittere Erniedrigung aus dem Herzen wegzuradieren. Und in Augen der Unschuldigen wird ewig die verlegene Frage „Warum?“ erstarrt bleiben. Geschichte hat jeden Menschen nach seinem Verdienst behandelt und Böses mit Gutem vergolten.

Glückliche Tränen der rehabilitierten Deutschen… Glücksmomente des Widersehens mit den lieben Nächsten nach den grausamen Jahrzehnten der Zwangstrennung … stille Freude der Großeltern, die ihre Enkelkinder endlich begegneten … heilige Ehre den unschuldigen Frühverstorbenen … Fluch den Satrapen des totalitären Regimes und sein Sturz – das ist der Ausklang des Genozides an den Deutschen in der UdSSR.

Dmitri Wolf vor dem Grab seines Onkels Andreas Wolf in Deutschland
Dmitri Wolf vor dem Grab seines Onkels Andreas Wolf in Deutschland

Unsere Väter, Großväter und Mütter sind rehabilitiert. Meine Gebete und Taten richte ich daran, dass meine Mutter in Würde weiterlebt und nach Glück strebt, was ihr als Kleinkind entzogen wurde…

Explanations / Erläuterungen

  1. The village of Tobolino (former Konstantinovka), located in the Saryagash district of Turkistan Region in southern Kazakhstan, was founded in the late 19th century by German settlers. It is situated 40 km from Tashkent, the capital of modern Uzbekistan.
  2. Forced collectivization (1929–1932) resulted in famine in the USSR. From famine and related epidemics, the Kazakh nation lost 2.2 million people in 1932–1933, or approximately 49% of the ethnic Kazakh population. The famine-related mortality rate was also very high among other ethnic groups in Kazakhstan.
  3. The Communist Party of the Soviet Union was the sole governing party of the Soviet Union; from 31 December 1925 till 14 October 1952, its official name was All-Union Communist Party (Bolsheviks).
  4. On January 10, 1942, the USSR State Committee for Defence issued Decree No. ГКО-1123cc “On the Procedure for the Deployment of German Migrants of Conscript Age from 17 to 50,” which stated that “All German men between the ages of 17 and 50 who are capable of physical labour and who were displaced to the Novosibirsk and Omsk Regions, the Krasnoyarsk and Altai Territories, and the Kazakh SSR must be mobilized into work columns for the entire duration of the war.”
  5. Kishlak is a rural settlement in Central Asia.
  6. Das Dorf Tobolino (früher Konstantinovka) im Bezirk Saryagash der Region Turkistan im Süden Kasachstans wurde Ende des 19. Jahrhunderts von deutschen Siedlern gegründet. Es liegt 40 km von Taschkent, der Hauptstadt des heutigen Usbekistan, entfernt.
  7. Die Zwangskollektivierung (1929–1932) führte in der UdSSR zu einer Hungersnot. Zwischen 1932 und 1933 starben infolge von Hungersnöten und damit verbundenen Epidemien 2,2 Millionen Kasachen, was etwa 49 % der ethnischen kasachischen Bevölkerung entsprach. Auch bei anderen ethnischen Gruppen in Kasachstan war die durch die Hungersnot bedingte Sterblichkeitsrate sehr hoch.
  8. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion war die einzige Regierungspartei der Sowjetunion. Vom 31. Dezember 1925 bis zum 14. Oktober 1952 trug sie den offiziellen Namen „Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki)”.
  9. Am 10. Januar 1942 erließ das Staatskomitee für Verteidigung der UdSSR die Verordnung Nr.: ГКО-1123cc „Über das Verfahren für den Einsatz deutscher Übersiedler im wehrdienstpflichtigen Alter von 17 bis 50 Jahren“, demzufolge u. a. „Alle deutschen Männer im Alter von 17 bis 50 Jahren, die zur körperlichen Arbeit fähig sind und in die Gebiete Nowosibirsk und Omsk, die Regionen Krasnojarsk und Altai sowie in die Kasachische SSR vertrieben wurden, müssen … in Arbeitskolonnen für die gesamte Dauer des Krieges mobilisiert werden.“
  10. Ein Kishlak ist eine ländliche Siedlung in Zentralasien.

Dmitri Wolf
Dmitri Wolf is a German living in the Uzbek city of Fergana.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *